Jan Weiler: Autor, Kolumnist, Cliff Barnes … Impressum
Mein Leben als Mensch — Verfasst am 30.09.2019

650_Montags-Blues

Das Alter fliegt unbarmherzige Angriffe auf meine verletzliche Seele. Es ist dabei nicht bloß so, dass meine Jugend immer länger zurückliegt, ich werde auch ständig daran erinnert. Da frage ich also meine Tochter, ob sie eventuell Lust habe, mich zu einem Konzert von New Order zu begleiten. Das ist eine Band, die mir viel bedeutet. Meine Jugend. Ach. Sie zuckt mit den Schultern. Vielleicht komme sie mit. Allerdings seien die Leute auf der Bühne noch einmal bedeutend älter als ich. Das müsse sie sich gut überlegen.
Ich versuche es mit ein wenig Werbung und erzähle, dass ich die Gruppe schon einmal gesehen habe. Im Dezember 1987 sei das gewesen. Fabelhaft, wenn auch unfassbar laut. Es war eines der wenigen Konzerte, die ich besucht habe, wo das Publikum „leiser“ schrie. Aber gefallen hat es mir trotzdem und ich schwärme ausdauernd. Carla sieht mich die ganze Zeit entgeistert an und sagt schließlich: „Papa. Das ist 32 Jahre her.“
Und mit einem Schlag fühle ich mich wirklich uralt. Das war vor drei Jahrzehnten. Da gab es noch die Sowjetunion, kein Internet und Lift war noch keine Apfelschorle. Das seltsame daran ist, dass in mir drin gar nicht so viel Zeit vergangen ist. Man könnte regelrecht verzweifeln. Rechnet man von dort aus noch einmal 32 Jahre zurück, befindet man sich im Jahr 1955. Was ich wohl gesagt hätte, wenn mein Vater mir 1987 vorgeschlagen hätte, auf ein Konzert von Peter Kraus zu gehen. Ich muss mich wohl damit abfinden, dass New Order die Peter Krauses der elektronischen Musik sind.
Wenigstens brauche ich diesmal keine Ohrenstöpsel, denn ich werde nur die halbe Lautstärke verarbeiten müssen, weil ich inzwischen Ohren habe wie ein korsischer Maulesel: Groß und leistungsschwach. Ganz schlimm: Konversation beim Essen. Das führt zu sehr sonderbaren Unterhaltungen. Neulich zum Beispiel war ich bei Freunden zum Abendessen eingeladen. Sie platzierten mich neben einen mir unbekannten Gast und nach einer Weile fragte ich höflichkeitshalber, was er so mache. Eigentlich ein ganz guter Gesprächseinstieg, wenn jemand antwortet, er sei Killer beim Mossad oder Programmchef des ZDF, was so etwas ähnliches ist wie Killer beim Mossad. Er aber antwortete knapp, er sei Rheinländer. Ich fand das einen seltsamen Beruf. Ich bin nämlich auch Rheinländer, habe jedoch bisher nie eine Vorstellung davon gehabt, dass sich dieser Umstand monetarisieren lassen könnte.
Jedenfalls schüchterte er mich mit dieser Antwort ein und das Gespräch versickerte. Es gab dann einen sehr guten Amarone und er führte das Glas an seine Nase, roch, schwenkte, probierte einen winzigen Schluck und machte dabei lustige Furz– und Schlürfgeräusche, worauf ich sagte, dass man das Zeug zur Not auch einfach trinken könne. Die Gastgeberin funkelte mich daraufhin an und zischte: „Achim weiß, was er da tut.“ Dann setzte er ab und startete ein Impulsreferat über diesen Amarone, die Geschichte der ganzen Anbaugegend und die Lage auf dem Welt-Wein-Markt. Ich fand ihn ja ein wenig langweilig, außerdem hatte er Nasenhaare wie ein Rauhaardackel.
Dackel-Achim dozierte über mittelalterliche Trinksitten, ich verstand akustisch ungefähr die Hälfte und versuchte durch autogenes Training die Fähigkeit zu erlangen, meine Ohren zu verschließen. Laubfrösche können so etwas. Aber ich bin ja ein korsischer Esel. Als ich ging, war ich leicht verstimmt. Auf dem Nachhauseweg fragte mich Lara, ob mir der Abend gefallen habe. Ich sagte: „Ganz gut, aber das Gerede über Wein hat mich genervt. Ich hätte mich lieber mit ihm über das Rheinland unterhalten.“
„Warum über das Rheinland?“ fragte sie.
„Er hat doch gesagt, er sei Rheinländer“, sagte ich.
Sie sah mich lange prüfend an und sagte dann: „Er ist nicht Rheinländer, sondern Weinhändler.“
Zuhause fand ich einen Zettel vor, auf dem Carla mir für das Konzert absagte. Das sei ihr ein bisschen zu sehr Alte-Leute-Mucke. Ich nickte. Stimmt schon. Da fiel mir auf, dass Montag war. Blue Monday sozusagen.