Jan Weiler: Autor, Kolumnist, Yeti … Impressum
Mein Leben als Mensch — Verfasst am 07.10.2019

651_Dating-Tipps aus Vaterhand

Mein Sohn Nick ist das, was man beratungsresistent nennt. Er ist Sechzehn und trifft eigene, manchmal eigenwillige Entscheidungen. Er trägt zum Beispiel nur Socken, wenn es draußen schön warm ist. Je kälter es draußen wird, desto magerer ist er bestrumpft. Im Winter wird er auch die Hosen wieder hochkrempeln und mit blaugefrorenen Knöcheln auf den Bus warten. Wenn ich ihn darauf hinweise, dass die Bekleidungsindustrie seit dem fünfzehnten Jahrhundert deutliche Fortschritte gemacht hat und in der Hoffnung auf gute Geschäfte fußwärmende Textilschläuche in allerhand Farben und Materialien anbietet, erklärt er mir, das nur Opfer wie ich Socken tragen würden.
Ich erkläre ihm, dass sehr viele Menschen auf der Welt froh wären, wenn sie so schöne Socken besäßen wie er, aber er macht nur eine wegwerfende Handbewegung, schnürt seine Sneaker und latscht hinaus in die Welt. Mit seinen Füßen könnte er Getränke kühlen. Natürlich weiß ich, dass sich hier das Drama der Ablösung vom Elternhaus abspielt. Dass er die Dinge anders machen muss als ich. Um ihn dazu zu bringen, in warmen Strümpfen zu gehen, müsste ich wahrscheinlich beim ersten Schnee barfuß zum Einkaufen marschieren. Er würde das zur Kenntnis nehmen und sich sofort dicke Socken überziehen, nur um nicht so zu sein wie sein Vater. Es tut mir leid, aber so viel Fürsorge bringe ich nicht auf. Er muss also beim erwachsen werden an den Zehen frieren. Pech gehabt.
Jedenfalls fragt er mich niemals um Rat. Deshalb war ich sehr verwundert, als er gestern zu mir kam und sagte, dass er ein kleines Problem habe, dass er nicht gut mit seinen Freunden besprechen könne, weil die noch weniger Ahnung davon hätten als er. Und dass er deshalb ausnahmsweise vorspreche, denn ich sei ja schon sehr, sehr alt und könne ihm in der Sache womöglich weiterhelfen. Er druckste herum und schließlich fragte er: „Was würdest Du zu einem ersten Date als Geschenk mitbringen?“
Puuuh. Gar nicht so leicht. Aber ich bin ja sehr, sehr alt und deswegen kam ich schnell mit einem unoriginellen, aber kulturhistorisch bewährten Vorschlag: „Blumen.“
„Wie jetzt, Blumen?“
Die Idee, einer gleichaltrigen Dame Blumen zu überreichen, fand er abstrus. Er zählte alle Sachen auf, die in dieselbe Kategorie fielen: Badezusätze, Spritzgebäck, Geistreicher Genuss in Nuss, Sudoku-Hefte. Dann forderte er mich auf, ihm einen anderen Vorschlag zu machen. Darüber musste ich ein bisschen nachdenken und orientierte mich an meiner beträchtlichen Lebenserfahrung. Zu einem meiner ersten Dates brachte ich 1983 einen Becher Margarine mit. Aber hey, das waren die Achtziger. Das war das Zeitalter der Ironie. Da ging so etwas. Oder auch nicht, denn aus dem Date entwickelte sich nichts, was ich erst jetzt, im Rückblick, mit der Margarine verbinde.
Ich dachte dann an die vielen hundert Mixtapes, die ich in meiner Jugend nicht nur aufnahm, sondern deren Hüllen ich auch hingebungsvoll gestaltete. Leider gibt es keine Kassetten mehr, nur Playlists bei Spotify, die aber in nostalgischer Verklärung von denen auch Mixtapes genannt werden. Ich finde es wahnsinnig unromantisch, zu einem Mädchen zu sagen: „Hallo, ich habe für Dich eine Playlist bei Spotify angelegt.“ Man muss schon etwas überreichen können. Von Hand zu Hand. Etwas persönliches, aber besser nichts, was eindeutige Rückschlüsse auf etwaige Absichten zulässt. Ein gebrauchtes Kondom zum Beispiel ist etwas sehr persönliches, fällt aber doch ziemlich mit der Tür ins Haus. Nick hörte sich meine Überlegungen an und bezeichnete mich als lüsternen Sabbergreis, was mir gut gefiel.
Schließlich riet ich ihm, dem Mädchen etwas mitzubringen, was es an ihn erinnern würde. Etwas, dass ihm etwas bedeute, etwas Wertvolles, vielleicht etwas aus seinem Zimmer. Als er aufbrach, fragte ich ihn, was er nun mitzunehmen gedenke. Er öffnete seine Jacke und holte etwas hervor. Eine große Plastikfigur aus seiner fast kompletten „Games-of-Throne“- Sammlung. Der Bluthund. Mit Schwert und Rüstung und Helm. Originalverpackt. Einer seiner größten Schätze. Der Junge geht aufs Ganze, soviel ist klar.