Jan Weiler: Autor, Kolumnist, Kapselheber … Impressum
Mein Leben als Mensch — Verfasst am 14.10.2019

652_Die Weiche ist in Mordor

Leider liefere ich meine Texte immer pünktlich ab und sie enthalten kaum Fehler in Zeichensetzung und Grammatik. Außerdem haben sie immer die richtige Länge. Niemand muss sich die Arbeit machen, meine Texte zu kürzen oder sogar zu verlängern. Ich bin insgesamt zuverlässig und brauche daher keine Ausreden. Das finde ich bedauerlich. Ich bin nämlich sehr gut im Erfinden von Ausreden.
Ich wäre der ideale Ausredenmanager für die Bahn. Ein Traumjob wäre das. Die bisherigen Bahn-Ausreden finde ich total lame. Es sind eigentlich immer dieselben Plattitüden, mit denen sie Verspätungen und Zugausfälle begründen. Man kennt das tonlose Geleier als regelmäßiger Kunde in und auswendig. Die geben sich überhaupt keine Mühe mehr.
Man kann es förmlich mitsprechen: „Willkommen in unserem ICE. Wir haben München mit einer Verspätung von 23 Minuten verlassen, Grund dafür ist eine Störung in unserem Reservierungssystem. Wir bemühen uns, diese zu beheben. Leider müssen wir Ihnen außerdem mitteilen, dass das Bord-Bistro wegen einer technischen Störung heute nicht öffnen kann, aber in Nürnberg steigt ein mobiler Brezelverkäufer zu, der sie mit Kaffee, Wasser und Snacks versorgt. Die Toiletten in den Wagen mit den Nummern 32, 33, 34, 35, 36, 37 und 38 sind leider defekt. Bitte benutzen sie die Toiletten im Wagen 39 im vorderen Zugteil. Nächster Halt ist Nürnberg.“
Ehrlich gesagt brauche ich diese Durchsagen nicht, denn ich rechne überhaupt nicht damit, dass etwas zu Essen da ist. Die von einem drolligen Bahn-Wicht munter ausgewürfelte vollkommen rätselhafte Wagenreihung sehe ich inzwischen als Normalfall an. Man sollte die Wagenreihung als solche einfach abschaffen. Es ist mir auch egal, dass Türen nicht aufgehen oder Schildchen nicht leuchten oder der ICE halbiert wurde, weil ich gar nicht mehr davon ausgehe, dass ein kompletter Zug mit funktionierenden Türen und heißem Essen pünktlich ans Ziel kommt. Und weil das so ist, höre ich auch bei den fadenscheinigen Begründungen nicht mehr zu: betriebsbedingte Störung. Störung im Betriebsablauf. Stellwerksstörung. Alles total wurscht, weil ohnehin nur nebliges Geschwafel. Daher mein Appell an die Bahn: Wenn Ihr das mit dem regelgerechten Betrieb Eures Unternehmens nicht hinbekommt, dann unterhaltet die Kundschaft wenigstens auf einem anständigen Niveau.
Ich könnte als Ausredenmanager dazu beitragen, dass das Image der Bahn trotz gleichzeitiger Nichtlösung sämtlicher Probleme verbessert werden könnte. Die Leute würden dann sagen: Die Fahrt war schrecklich, aber wenigstens lustig. Sie würden zuhause davon erzählen und es würden Menschen mit der Bahn fahren, bloß um die Ausreden zu hören. Dass sie dabei unverhofft über Stunden im Bahnhof Erfurt rumstehen müssen, weil in Leipzig irgendeine Weiche nicht funzt, wäre ihnen dann egal, mehr noch: Es wäre ihnen sogar recht.
Das Zugpersonal würde von mir geschult und könnte ganz anders mit den peinlichen Wartungs-Versäumnissen der Bahn umgehen als bisher. Wenn also zum Beispiel mal wieder ein Zug liegenbleibt, hören die frierenden Kunden auf dem Bahnsteig folgende Durchsage: „Leider kann unser Zug nicht weiter nach Leipzig fahren, weil dort eine Weiche fehlt. Sie wurde von den Herrschern der Dunkelheit nach Mordor gebracht, wo Sauron daraus kleine Kampfroboter herstellt, mit denen er ganz Sachsen erobern möchte. Wir von der Bahn fühlen uns geschmeichelt, dass unser sächsischer Weichenstahl offenbar gut zur Herstellung kleiner Kampfroboter geeignet ist, können aber deswegen den Betriebsablauf nicht gewährleisten und haben den Diebstahl der Weiche bereits zur Anzeige gebracht. Auch wenn der Herr Sauron heißt, berechtigt ihn dies keinesfalls zur widerrechtlichen Entnahme von Gleisbestandteilen. Die Bundeswehr ist bereits auf dem Weg nach Mordor, um die Weiche zurück zu holen. Sobald die Weiche wieder da ist, können wir weiterfahren. Über ihre Anschlusszüge in Leipzig werden wir sie kurzfristig informieren.“ Man könnte diese Durchsage auf über zwanzig Minuten strecken. Ganz ehrlich: Da fällt das Warten doch gleich viel leichter. Ich freue mich auf Angebote des Bahnvorstandes.