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Mein Leben als Mensch — Verfasst am 21.10.2019

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Es gibt Menschen, von denen man voller Ehrfurcht behauptet, sie verfügten über eine natürliche Autorität. Helmut Schmidt mag so jemand gewesen sein. Könnte sein, dass auch Pep Guardiola zu dieser Sorte gehört. Die natürlich Autoritären sind hervorragende Regierungschefs, Fußballtrainer und mit Sicherheit Bombe in Kindererziehung. Sie müssen weder ausrasten noch zu Bestechung greifen, um ihre Vorstellungen durchzusetzen. Es wird ganz einfach gemacht, was sie sagen und niemand stellt dies jemals in Frage.
Hätte ich auch gerne so, klappt aber nicht. Ich strahle offensichtlich etwas derart anti-autoritäres aus, dass meine Wünsche grundsätzlich missachtet werden. Ich weiß ja nicht, was Helmut Schmidt zu seinem Friseur gesagt hat, vermutlich nichts weiter als „Guten Tag, wie immer.“ Auf jeden Fall sah er anschließend aus wie immer. Bei mir ist das anders. Ich gehe seit zwanzig Jahren zu einer Dame, die mir jedes Mal eine neue Frisur andrehen will. Und immer möchte sie mir am Ende fettiges Zeug in die Haare kneten. Ich möchte aber mit 52 nicht mehr aussehen wie ein holländischer Drittliga-Fußballer. Dennoch schafft sie es jedes Mal, mir nachhaltige Produkte aus der Teufelsküche der Haarkosmetischen Industrie auf die Rübe zu schmieren. Ich gehe dann wasserfest nach Hause und ärgere mich über mich selber, weil ich einfach kein guter Bestimmer bin.
Dasselbe gilt im Café. Neulich in Berlin bestelle ich einen doppelten Espresso. Ich mag die italienische Sitte, dazu ein kleines Glas Wasser zu trinken, was aber hierzulande nicht automatisch mitserviert wird. Also ordere ich den Kaffee und dazu ein Glas Wasser bitte. Danke. Es kommt also der doppelte Espresso sowie ein Halbliter-Bierhumpen mit Sprudel auf dem eine Zitronenscheibe herumdümpelt. Es handelt sich um Mineralwasser mit extragroßen Bläschen, die im Hals kratzen, als würde man Stacheldraht runterwürgen. Das mögen nur die Deutschen, glaube ich. Ich sage zur Kellnerin, dass ich eigentlich an ein kleines Gläschen Leitungswasser gedacht hatte und sie patzt mich an, dass ich ein Glas Wasser bestellt habe und dies sei ein Glas Wasser. Ich könne aber gerne noch ein kleines Glas Leitungswasser dazu haben. Das große Wasser lässt sie stehen und geht weg. Ich schmirgle meinen Hals damit, trinke den Espresso und frage mich, ob Pep Guardiola jemals einen halben Liter deutsches Mineralwasser zum Käffchen getrunken hat. Bestimmt nicht.
Zuhause bemühe ich mich hier und da um enorm strenge Ansagen, aber auch da kam es jüngst wieder zu einer fundamentalen Untergrabung meiner fehlenden Autorität durch meinen Sohn. Nick hatte am vergangenen Wochenende drei Freunde zu Besuch. Riesen Lulatsche mit Hunger. Ich wollte um viertel vor eins ins Bett und traf die Truppe in der Küche an, wo sich aber nichts befand, dass sie gerne essen wollten. Also verkündete Nick, man werde jetzt noch mal rausgehen und einen Döner besorgen.
Ich sah auf die Uhr und sprach: „Tut mir leid, es ist viertel vor eins, Du gehst jetzt nirgends mehr hin, außer ins Bett.“ Nick reagierte bockig und erklärte, er werde einfach so lange warten, bis ich eingeschlafen sei und dann mit den Jungs einen Döner holen gehen. Ich sah ihn recht lange und wie ich fand ausgesprochen grimmig an und erwiderte, dass niemand mehr um diese Zeit aus dem Haus ginge. Und damit basta. Und es werde sich daran gehalten. Kein Mensch muss um ein Uhr Döner essen. Gute Nacht.
Gegen drei Uhr hörte ich die Wohnungstür. Ich habe eine Art Ammenschlaf, wenn es um Nick geht. Ich stand auf, nahm meine Brille und taperte in sein Zimmer. Dort saßen er und seine Jungs auf dem Fußboden und aßen. „Habe ich nicht gesagt, dass keiner mehr das Haus verlässt und kein Döner mehr gegessen wird?“ donnerte ich leise, weil müde. Darauf sprach mein Sohn, dass man sich ausdrücklich an diese Regeln gehalten habe. Es handele sich bei dem Essen nämlich nicht um Döner, sondern um Curry vom Thai-Imbiss. Und außerdem habe man das Essen nicht geholt, sondern sich bringen lassen. Niemand sei weg gewesen. Man habe es mit meiner Karte bezahlt und ob ich eine Frühlingsrolle wolle. Nein. Wollte ich nicht. Und ich fühle mich flächendeckend nicht ernst genommen, verdammt noch mal.