Jan Weiler: Autor, Kolumnist, Beinscheibe … Impressum
Mein Leben als Mensch — Verfasst am 28.10.2019

654_Ran an den Speck

Auf der Suche nach neuen Erlösquellen bohrt mein Sohn Nick vorzugsweise mich an. Er wartet immer, bis ich mit etwas beschäftigt bin, das mich nicht zu sehr aufregt, denn er hat die Erfahrung gemacht, dass ich nicht besonders gebefreudig bin, wenn ich gerade unter massivem Fluchen das Sieb von der Waschmaschine zu reinigen versuche. Das Teil lässt sich nur mit einer großen Zange aus seinem Schlund befreien und enthält häufig Dinge, die nicht nur in einer Waschmaschine nichts zu suchen haben.
Klugerweise haut er mich dann nicht um Hartgeldbeträge oder Blitzüberweisungen an. Das macht er nur, wenn ich gerade Kaffee trinke und die Werbung aus der Zeitung flöhe. Ich liebe diesen Vorgang, diese schmerzfreie Entlastung. Dann steht mein Sohn vor mir und beginnt einen Kurzvortrag zu seiner prekären Finanzsituation. Er stellt sich als unverschuldet in Not geraten da. Die Umstände, das Leben, die Gesellschaft haben ihn in die Pleite getrieben. Er habe eine junge Dame zum Essen ausführen müssen, mehrmals sogar. Ich frage ihn dann, warum er essen geht. Ich bin mit sechzehn Jahren jedenfalls nicht essen gegangen.
Aber die Zeiten haben sich geändert. Praktisch alle neuen gastronomischen Konzepte basieren auf der Grundannahme, dass Jugendliche steinreich sind. Oder Eltern haben, die nicht kochen. Vapiano, Hans im Glück, Peter Pane, die zahllosen Bowl-Läden, in denen die Kinder matschiges Dosenfutter aus Hundenäpfen schaufeln und natürlich die epidemischen Kaffeeketten sind im Grunde genommen ranschmeißerische Taschengeldablieferungsstellen, die den Kindern vorgaukeln, dass sie alleine durch den Verzehr von Burgern oder Wraps Bewohner einer besseren Welt würden. Dafür geht ein großer Teil von Nicks Budget drauf. Ich habe ihm oft gesagt, dass er mit seinen Freunden zuhause kochen könne, aber das machen sie nur, wenn es wirklich nicht anders geht, also Nachts.
Wenn er Glück hat, gebe ich ihm also Geld, worauf sich seine klägliche Körperspannung sofort strafft. Eine Minute später ist er weg, um eine gewisse Emily in ein Lokal mit dem kumpelhaften Namen „Pommes Freunde“ auszuführen. Früher hieß so etwas noch „Akropolis“ und kostete ein Drittel. Aber egal.
Bei seiner Rückkehr ermutige ich ihn, sich doch noch einmal über Nebeneinkünfte zu informieren, die nicht vom Wohlwollen seines Vaters abhängig sind. Er erklärt mir darauf, er habe bereits diverse Business-Cases überlegt und stehe vor der Gründung eines Start-Ups. Er könne damit sogar in dieser Fernseh-Show auftreten, bei der Höhle der Löwen. Ich bitte ihn, doch mal seinen Vorschlag zu pitchen, also stellt er sich breitbeinig vor mir auf, faltet die Hände vor den Körper und sagt den Satz, mit dem jeder erfolgreiche Gründer seinen Vortrag beginnt, nämlich: „Jeder kennt doch das Problem.“ Ich nicke. Ein Start-up, das wirklich ein Problem der Menschheit löst, kann nur ein Hammer sein.
Nick holt Luft und sagt: „Man steht in der Küche, will sich ein Spiegelei machen und stellt fest: Mist, kein Speck da.“ Gut. Schlimmer wäre es jetzt tatsächlich, wenn kein Ei da wäre, aber ich will ihn nicht unterbrechen. Nick erläutert dann ausführlich, dass der Speckmangel in deutschen Haushalten ein signifikantes Problem sei. Weit über die Hälfte aller Deutschen habe von Zeit zu Zeit keinen Speck im Haus. Sein 24-Stunden-Online-Speckversand werde diese Lücken schließen. Das Angebot umfasse nicht nur Speckstreifen, sondern auch geräucherte Ware, Würfel, rohen Speck, Schinkenstreifen, Lardo, Tiroler Speck, Südtiroler Speck, Speck am Stück und sogar Speckstein. Niemand müsse mehr ohne Speck sein. Ich bin ganz begeistert und frage ihn nach dem Namen seiner Firma, denn der Name ist ja bekanntlich das wichtigste. Und dann haut er ihn raus, den Namen seines 24-Stunden-Online-Speckversands und ich denke, das wird ein Renner. Seine Firma heißt: Specko mio.
Ob ich ihm einen Vorschuss geben könne. Ich überreiche ihm zehn Euro. Später treffe ich ihn vor der Waschmaschine. Im Sieb hab er noch zwei Euro gefunden. Er ist wirklich sehr geschäftstüchtig, mein Sohn. Man muss sich keine Sorgen machen.