Jan Weiler: Autor, Kolumnist, Cliff Barnes … Impressum
Mein Leben als Mensch — Verfasst am 04.11.2019

655_Eine schwindlige Sinusitis

Um diese Zeilen zu schreiben, greifen meine kalten Finger aus den Tiefen der Daunengruft in den Rechner. Jedes Wort wird von freudlosem Husten untermalt ausgeworfen. Heiseres Gemurmel aus gereiztem Höllenschlund, Gedanken aus Rotz geboren, ewige virale Verdammnis aus den Gründen der Nebenhöhlen. Mit anderen Worten: Ich bin krank. Leider kommt der Text daher ein wenig spät. Er hat eine betriebsbedingte Verspätung, die wir nicht mehr aufholen können, selbst wenn ich jetzt keinen Halt am Kühlschrank mehr einlege. Tut mir leid, so ist es nun einmal, kann ich auch nichts machen.
Erkältung hat gerade jeder, also habe ich auch eine und muss leider im Bett bleiben. Es könnte aber auch sein, dass ich ein bisschen schwindle und bloß ein wenig verschnupft bin, aber vor allem zu faul zum Arbeiten. Wenn das so ist, wo ist dann die Grenze zur Lüge überschritten? Das ist eine wichtige Frage, denn die Schwindelei ist die blonde, beim Schaukeln mit den Füßchen wippende unschuldige kleine Schwester der Lüge. Die Lüge ist hässlich und unmoralisch, eine richtige Bitch ist sie, aber momentan global sehr in Mode.
Der größte und trendbildende Lügner unserer Zeit ist Präsident des mächtigsten Landes der Welt. Er treibt es damit so weit, seinerseits diejenigen als Lügner zu bezeichnen, die ihm seine Lügen nachweisen. Befeuert ihn ein pathologischer Mangel an charakterlicher Eignung, Moral und Wahrhaftigkeit oder sind die vielen Unwahrheiten, die der Mann von sich gibt, Ausdruck einer glasklaren Strategie? Das könnte zumindest sein. Donald Trump hat nach einem Bericht der amerikanischen Website „Fact Checker“ von seiner Amtseinführung bis zum April dieses Jahres 10 111 Mal gelogen oder die Öffentlichkeit mit Verdrehungen, Vereinfachungen oder Ungenauigkeiten verwirrt. Das sind bis zu 23 Lügen pro Tag seiner Amtsführung. Einmal waren es sogar 171. Veröffentlicht an einem einzigen Tag.
Strategisch genial an diesem vollkommen amoralischen Verhalten könnte sein, dass es sein tatsächliches Regierungshandeln verschleiert. Vieles, was er und seine Berater so anstellen, wird gar nicht mehr richtig diskutiert, weil die Menschen mehr Lust haben, sich mit dem neuesten Irrsinn auseinanderzusetzen, den der Mann so twittert als mit seiner tatsächlichen Amtsführung. Von seiner Regierung wurden indes über siebzig Umweltgesetze mehr oder weniger klandestin abgeschafft oder geändert, und zwar zum Wohle der Agrar- oder der Energie-Industrie. Fracking nahe den kalifornischen Nationalparks, Abschwächung des Artenschutzes, Verkleinerung der Nationalparks, Abholzung des Waldes in Alaska, Förderung des Kohle-Abbaus. Davon ist relativ wenig die Rede, während wir begeistert die neueste vermeintliche Blödheit des Präsidenten teilen und kommentieren.
Jetzt muss ich mich leider wieder hinlegen. Vorher wollte ich mir die Zähne putzen, aber meine Bürste ist verschwunden. Kann ja eigentlich nicht sein. Ich frage Nick, ob er meine Zahnbürste gesehen habe und er verneint mit dem Hinweis darauf, ich sei alt genug, um selber auf meine Zahnbürste aufzupassen. Und dass er eine eigene habe und sich nur mit dieser beschäftige, nicht mit meiner. Und dass er nicht einmal wisse, dass ich überhaupt Zähne hätte.
Zwanzig Minuten später kommt er zu mir und verlangt die Anschaffung einer neuen Tastatur für seinen Rechner. Sie sei ganz plötzlich verstorben. Ich sehe sie mir an und entdecke, dass die Lücken zwischen den Tasten feucht sind. Und dass die obere Hälfte der Tastatur sauber ist, die untere hingegen ziemlich eingesaut. Ich kombiniere, dass jemand die Tastatur unfachmännisch gereinigt hat. Womöglich mit einer Bürste. Mit einer Vaterbürste. Ich krame sie aus dem Müll, wo er sie unter Orangenschalen versteckt hat und halte sie meinem Sohn vor die Nase. Ich frage ihn, wie er dazu kommt, sie zur Reinigung seiner Tastatur zu nehmen und er antwortet in reinem Trumpismus, er habe absolut keine Ahnung, wie das Ding in den Abfall geraten sei. Da solle ich mal drüber nachdenken, er mache sich Sorgen um mich.
Die Frage ist nun: Ist das noch Schwindelei oder schon Lüge? Und ist das ein gesellschaftlicher Trend oder das Alter? Und was hilft am besten gegen Schnupfen?