Jan Weiler: Autor, Kolumnist, Yeti … Impressum
Mein Leben als Mensch — Verfasst am 18.11.2019

657_Ein Kissen für Gauland

Muss man auf Alles eingehen? Als höflicher Mensch natürlich schon. Schließlich sollte man den Menschen gerecht werden, ihnen zuhören und den Austausch suchen. Das ist eine Tugend, die man sich im Herzen bewahren sollte. Aber diese Konvention hatte immer schon Grenzen und die werden von Bildung und gesundem Menschenverstand gezogen. Oder hat man ernsthaft früher mit den Ewiggestrigen und mental abgehängten Typen diskutiert, denen man manchmal über den Weg lief?
Das waren diese Opas, die mit dem Kissen unterm Arm auf der Fensterbank hingen und ihren Quatsch auf die Straße ventilierten. Man fuhr mit dem Fahrrad an denen vorbei und grinste. Oder man traf sie am Kiosk, wo sie mit Plastiklöffelchen im Kaffee rührten und vor sich hin schwadronierten. Man ließ sie stehen und sie richteten keinen Schaden an. Nie vergessen werde ich den Vater einer früheren Freundin, der mir vor dreißig Jahren im Verschwörerton zuraunte, dass unser Land dringend einen kleinen, einen klitzekleinen Hitler brauche, der mal richtig aufräume. Er bekam umgehend von seiner Tochter eins auf den Hinterkopf und schwieg dann für eine gute Stunde. Richtig ernst hat ihn niemand genommen. Den von der Fensterbank und den aus dem Kiosk auch nicht. Das waren einfach Trottel. Und nun sitzen die im Bundestag und freuen sich darüber, dass wir alle ständig empört über die trockenen Stöckchen springen, die sie uns hinhalten. Was an dieser Stelle übrigens unterbleibt, sonst freuen sie sich noch mehr.
Dass diese politischen Zombies zumindest in die Nähe politischer Entscheidungsbefugnis geraten ist natürlich Wählerwille. Oder Wählerschuld, je nach Sichtweise. Und dennoch habe ich das Gefühl, dass man den Stumpfsinn, der da nun rumhockt und stänkert und die parlamentarische Demokratie verachtet, hätte verhüten können. Früher ging das ja auch, und zwar durch konsequentes Ignorieren. Was hätte es auch gebracht, mit dem Fenster-Opa zu diskutieren oder sich seine Litanei gegen die ausländischen Nachbarn bis zum Ende anzuhören? Wäre man davon klüger geworden? Hätte er seine Ansichten geändert? Beides nicht. Aber heute gehen wir auf jede noch so tumbe Äußerung dieser Gruselgestalten ein und werten sie damit auf. Da plappert einer los, dass seine Partei die Bundesregierung jagen werde. Na und? Soll er mal versuchen. Erst die vom Urheber kalkulierte Empörung über den Satz hat ihn überhaupt zu einer Bedrohung werden lassen. Hätte man nicht gut daran getan, gar nicht darauf einzugehen? Wäre Schweigen nicht vielleicht die beste Antwort gewesen?
Oder das Opfer-Narrativ, demzufolge die Rechten in Deutschland nichts sagen dürften, vom Diskurs ausgeschlossen seien und ihnen in der medialen Öffentlichkeit nicht genug Präsenz zugestanden würde. Das mag denen so vorkommen und vielleicht stimmt es sogar, dass sie weniger häufig in TV-Sendungen eingeladen werden als Vertreter anderer Parteien. Das liegt aber nur daran, dass sich nun einmal kein normaler Mensch mit ihnen unterhalten möchte. Ich würde jedenfalls sofort absagen, wenn ich wüsste, dass ich öffentlich mit einem Rechtsextremen auftreten müsste. Und außerdem stimmt die Theorie auch gar nicht. Niemand ist von gar nichts ausgeschlossen.
Schließlich gibt es niemanden, der sich so intensiv und öffentlich äußert wie sie. Und zwar ohne jeden Charme, ohne argumentatives Fundament, ohne Humor und penetrant. Vor einigen Tagen äußerte sich ein am rechten Rand in den digitalen Medien Tätiger zum Auftritt des Journalisten Nico Fried in einer Talkshow und bezeichnete ihn als den Bruder der „Staatsfunk-Moderatorin Amelie Fried.“ Staatsfunk. Gähn. Was für ein lächerliches geistloses Elend. Man sollte einfach nicht darauf eingehen, was aber zugegebenermaßen schwerfällt.
Lieber wäre es mir, wir legten alle zusammen und kauften für die Bundestagsfraktion der AfD ein paar schöne Sofakissen. Die könnte sie sich auf ihre Tischchen legen und sich darauf abstützen, wenn sie das Parlament mit Zwischenrufen belästigen. Das wäre ein hübsches Bild und würde uns daran erinnern, wie albern die sind. Es wäre dann viel leichter, über sie hinweg zu grinsen.