Jan Weiler: Autor, Kolumnist, Trompetenkäfer … Impressum
Mein Leben als Mensch — Verfasst am 25.11.2019

658_Mann und Frau trennen ein Ei

Es ist häufiger davon die Rede, dass es eigentlich keine wirklichen Unterschiede zwischen den Geschlechtern gäbe. Und dass die Verschiedenartigkeit von Mann und Frau lediglich ein jahrhundertealtes Konstrukt sei, um den weiblichen Teil der Erdbevölkerung zu unterdrücken. In vielerlei Hinsicht mag das stimmen.
Es gibt aber noch Orte, wo Frauen und Männer sehr wohl unterschiedlich sind, sehr sogar. Ich würde sogar behaupten, dass es einen Raum gibt, in dem sich beide nicht gleichzeitig aufhalten sollten: Die Küche. Männer und Frauen kochen einfach nicht auf dieselbe Art. Es mag hinterher dasselbe herauskommen, aber die Herangehensweise ist doch sehr verschieden.
Ich zum Beispiel bin ein Planer. Alte Max-Inzinger-Schule. Der ZDF-Fernsehkoch präsentierte früher immer sämtliche Zutaten in Schüsselchen und Schälchen und konditionierte die Nation mit dem Satz: „Ich habe da schon mal etwas vorbereitet.“ Wer damit aufgewachsen ist, kann einfach nicht anders. Also bereite ich vor, schnippele sämtliche Zutaten in Schälchen, stelle diese auf die Arbeitsplatte und reihe die Gewürzgläschen davor auf wie ein Regiment begeisterter Rekruten. Ich wiege Mehl und Zucker auf das Gramm genau ab. Die Angaben dazu hole ich mir aus den Rezepten, denen ich so treu folge wie Peter Altmeier seiner Kanzlerin. Für mich sind Jamie Oliver, Donna Hey und Yottam Ottolenghi Autoritäten. Ich mache alles so, wie sie das aufgeschrieben haben und zweifele nie. Dann hole ich alle Töpfe und Pfannen aus der Schublade, weil ich für jeden Zubereitungsschritt frische Geräte brauche. Und sieben Messer. Und Zubehör. Ich möchte ja den ganzen Krempel nicht umsonst beim TV-Homeshopping bestellt haben.
Wenn ich fertig bin mit dem Kochen und alles im Backofen vor sich hinschmurgelt, brauche ich eine gute Stunde, um alles aufzuräumen und zu spülen. Manchmal renoviere ich auch noch ein bisschen, was mir nichts ausmacht, weil ich zu diesem Zeitpunkt den Wein, den ich zum Kochen brauchte, schon so gut wie ausgetrunken habe. Das stimmt mich milde und ich ärgere mich nicht über die Sauce, die mir beim Aufschäumen an die Decke gespritzt ist. Im Grunde bin ich ein sehr zufriedener Koch, allerdings nur solange, wie ich dabei auch den Hut aufhabe. Kürzlich drang jedoch eine Person ein, um mit mir gemeinsam zu kochen. Eine Frau, um genau zu sein. Und die sind irgendwie ganz anders.
Meine Organisation fand Lara noch irgendwie ganz süß, die vielen Tiegelchen und Schälchen. Sie sagte, ich würde wohl eher Kochen spielen als tatsächlich kochen. Ich ließ mich nicht provozieren. Als ich dann jeden Schritt gewissenhaft mit den Anleitungen im Kochbuch verglich, nannte sie mich obrigkeitshörig. Wie es sein könne, dass ein erwachsener Mann sich derart unter die Knute eines dahergelaufenen Rezeptautors begebe, fragte sie. Meine Antwort, dass der dahergelaufene Rezeptautor das Gericht vermutlich schon mal ausprobiert habe und mein Vertrauen genieße, wischte Lara mit dem Hinweis beiseite, dass sie es ja später noch verfeinern könne, was ich nicht nur anmaßend, sondern regelrecht bedrohlich fand.
Sie hob ein Plastikteil aus meiner an Plastikteilen nicht armen Ausrüstung hoch und fragte, was das sei. Ich sagte: „Leg das hin, das brauche ich jetzt. Das ist ein Eiertrenner.“ Sie sah mich an wie ein eingestürztes Soufflé. „Du besitzt nicht ernsthaft einen Eiertrenner?“ fragte sie. Natürlich besitze ich einen Eiertrenner. Jeder Haushalt braucht einen Eiertrenner. Und einen Bananenschneider. Und einen Erdbeerstrunk-Entferner.
Sie sagte, man müsse sich in der Küche weder an Rezepte noch an Reihenfolgen halten, man brauche dafür nur Intuition und vor allen Dingen keinen Eiertrenner. Dann nahm sie ein Ei, schlug es auf und ließ das Eigelb ein paar Mal von einer Hälfte der Schale in die andere gleiten. Dabei lief das Eiweiß in ein Schälchen ab. Für den Fall, dass man das Eiweiß noch brauche. Dann zeigte sie eine zweite Methode. Sie schlug noch ein Ei auf und goss es auf ihre Hand. Das Eiweiß verschwand zwischen ihren Fingern, übrig blieb nur der Dotter. Ich war entsetzt. Eitrennen ohne Gerät. Auch aus lebensmittelhygienischer Sicht höchst zweifelhaft. Aber es sah gut aus, das muss ich zugeben.