Jan Weiler: Autor, Kolumnist, Diätkenner … Impressum
Mein Leben als Mensch — Verfasst am 02.12.2019

659_Krieg in Büsum

Grundsätzlich mag ich es, aus dem Zug zu steigen, zumal ich mich dann meistens schon sehr lange im Zug aufgehalten habe und das macht man nicht zu seinem Vergnügen. Eigentlich ist es sogar so, dass ich es kaum erwarten kann, endlich auszusteigen. Außer letzte Woche. Da wäre ich gerne noch geblieben, ich war richtig betrübt darüber, dass ich in Hamburg umsteigen musste. Am Ende blieben Fragen offen, die jetzt nicht mehr geklärt werden können. Verantwortlich für die Ungewissheit ist ein Herr, der mir im Regionalzug gegenüber saß. Er stieg in Itzehoe ein und erhielt bald darauf einen Anruf von seiner Frau. Erst sagte er eine Weile nichts anderes als „ja“ und „nein“ und „hmm.“ Aber dann brach es aus ihm heraus und er sagte in zähem norddeutschen Slang: „Das hätte sie wissen müssen. Man fährt nicht nach Büsum, wenn man das nicht will. Wenn man nach Büsum fährt, dann ist einem das klar. Dann hätte sie zuhause bleiben müssen.“
Irritierenderweise blickte der Mann beim Sprechen nicht aus dem Fenster oder ins irgendwo, sondern er guckte mir direkt ins Gesicht, als sei ich gemeint. Er sprach mich direkt an. Dann sagte er: „Sie hat ja bisher immer Pech gehabt. Wir haben ihr es hundert und einmal gesagt. Und dann fährt sie trotzdem nach Büsum. Himmelherrgott. Wie kann man nur so dumm sein.“ Wir fuhren in ein Funkloch und die Verbindung brach ab. Der Mann legte das Handy auf seinen Schoß. Dabei schaute er mich weiterhin an und ich dachte, dass ich irgendwas sagen sollte. Also sagte ich: „Was gibt es denn in Büsum?“ Der Mann antwortete: „Krabben.“ Dann klingelte sein Handy wieder und er sprach weiter mit seiner Frau und sah mich weiter an. Ich versuchte zu lesen, aber zwischendurch musste ich einfach nachgucken, ob er immer noch guckte. Er starrte mich an und sagte: „Ich kann nicht gut sprechen, da guckt mich die ganze Zeit einer an.“
Das fand ich etwas seltsam, besonders als er damit begann, mich zu beschreiben. „Brille, Bart, Pullover, Schal. Ich weiß auch nicht, was der will.“ Dann sagte er: „Ich kann ihn ja mal fragen.“ Er deckte das Mikrofon seines Telefons mit der Hand ab und fragte: „Meine Frau will wissen, was sie von mir wollen.“ Ich sagte: „Eigentlich will ich nur in Ruhe lesen.“ Er sagte ins Telefon: „Der will lesen. Ich bin kurz vor Elmshorn. Vielleicht rufst Du sie mal an und fragst sie. Wenn sie ans Telefon geht. Jedenfalls finde ich, man fährt nicht nach Büsum, wenn man das genau weiß. Außerdem hat sie das jetzt fast zwanzig Jahre mitgemacht. Da kann man schon erwarten, dass sie irgendwann etwas daraus lernt. Fährt die nach Büsum!“
Ich fand, der Mann hat recht. Nach zwanzig Jahren und der Sache in Büsum könnte man schlauer sein. Ich nickte unwillkürlich und der Mann sagte: „Findet der Mann hier auch.“ Dann brach das Gespräch abermals ab. Nach einer Weile des Schweigens sagte der Herr: „Meine Frau und ich machen das jetzt schon ewig mit. Klara hat einfach immer Pech und wir müssen uns diesen Kladderadatsch dann anhören.“ „Wer ist denn Klara?“, fragte ich. Bevor der Mann antworten konnte, klingelte sein Telefon wieder und er sagte: „Heidemarie, damit muss Schluss sein. Findet der Mann hier im Zug auch.“ Er hörte wieder einen Augenblick lang zu, dann sagte er: „Meine Frau will sie sprechen.“ Er reichte mir sein Telefon und ich nahm es. „Hallo?“ sagte ich und Heidemarie erklärte mir, dass es sehr unhöflich sei, sich in Gespräche anderer Leute zu mischen. Dennoch sei sie interessiert an einer neutralen Meinung. Und dann wollte sie wissen, was ich davon hielte, wenn Leute immer wieder denselben, also den andauernd selben Fehler machten. Ich antwortete, dass es in der Natur der Menschen läge, sonst gäbe es schon lange keine Kriege mehr. Sie rief, dass Krieg dafür tatsächlich das richtige Wort sei. Krieg sei das. Ob sie ihren Gatten zurückhaben könne. Ich gab ihm das Handy zurück und er sagte: „Ja, ich hab’s gehört. Krieg. Finde ich auch. Und dann fährt die nach Büsum.“ Und wieder brach das Gespräch ab.
Der Zug fuhr in Altona ein und ich musste aussteigen. Der Herr nickte knapp zum Abschied, ich nahm mein Gepäck und ging. Und seitdem frage ich mich: Was ist da bloß los? Und vor allem: Büsum. Das muss das Tor zur Hölle sein. Da darf man auf keinen Fall hinfahren.