Jan Weiler: Autor, Kolumnist, Buntbarschboy … Impressum
Mein Leben als Mensch — Verfasst am 09.12.2019

660_Terror im Treppenhaus

Und schon wieder ein Aushang von der Hausverwaltung. Jemand wirft unzerkleinerte Kartons in den Container im Hof. Die nehmen viel Platz weg, sodass am Montagmorgen nichts mehr hineinpasst und die Nachbarn ihr Papier vor dem Container abstellen. Die Herren, die das Altpapier abholen, besitzen kein Mandat für die Mitnahme des zusätzlichen Recycling-Materials und ignorieren es. Oder sie treten die im Weg herumstehenden Tüten um. Dann regnet es und der ganze Kram verwandelt sich in Pappmaché.
Und wer darf das wegmachen? Der Hausmeister. Der hat auch den Brief aufgehängt und drastische Maßnahmen angekündigt. Wenn noch einmal jemand seine Kartons nicht zerreiße, werde die Abhol-Frequenz erhöht und Alle müssten mehr zahlen, auch diejenigen, die sich an die Regeln halten. Ich bin froh, dass die Konsequenzen so zivil ausfallen, denn der Hausmeister ist ein Mischwesen aus Lehrer Lempel und einem Panzerknacker.
Meine erste Begegnung mit ihm fand beim Einzug vor einem Jahr statt. Ich schleppte einen Bücherkarton ins Haus, er stand im Flur und sah missvergnügt zu. Ich stellte den Karton in die Aufzugtür, um sie zu blockieren und er sagte: „Nicht länger als eine Minute, sonst nehme ich die Kiste wieder raus.“ Ich raste zurück zum Lastwagen, um den nächsten Karton zu holen. Als ich zurückkam, stand der erste im Flur und der Aufzug war weg. Vermutlich war er damit in den fünften Stock gefahren. Ich rief den Lift wieder zurück und als er kam, stellte ich beide Kartons in die Tür. Als ich mit dem dritten Karton ankam, war der Aufzug im Keller. Daraufhin stapelte ich sämtliche weitere Bücherkartons im Flur.
Wenig später erschien der Hausmeister und wies mich darauf hin, dass ich Fluchtwege vollstelle. Ich möge die Kartons augenblicklich in meine Wohnung bringen. Ich machte schwache Versuche bürgerlicher Empörung über sein schikanöses Auftreten, aber er sagte nur: „Dalli Dalli.“ Dann fuhr ich die Bücher nach oben. Um sie schneller ausladen zu können, blockierte ich die Tür mit einer Bücherkiste. Nachdem ich die erste in die Wohnung gebracht hatte, war der Aufzug weg. So ging das zwei Tage lang. Interessanterweise erwischte ich den Hausmeister kein einziges Mal. Er ist auch immer unsichtbar, wenn man ihn brauchen könnte. Wenn man seine Handynummer wählt, kommt nach dem ersten Klingeln eine barsche Ansage, dass er zurückrufe. Macht er aber nicht. Und er kommt auch nicht einfach vorbei und kümmert sich um die Satellitenanlage. Dafür hat er einen Sohn, der genauso aussieht wie er und sich genauso wenig mit Satellitenanlagen auskennt wie ich.
Der übrigens namenlose Hausmeister führt eine Keller-Existenz und ich glaube, dass er uns mit gut versteckten Kameras überwacht. Neulich tauchte er geisterhaft im Treppenhaus auf, als ich Einkäufe hochschleppte, weil jemand den Fahrstuhl blockiert hatte. Er lehnte im dritten Stock am Geländer und als ich an ihm vorbeiging, sagte er: „Zettel. Da unten. Aufheben.“ Mir war der Kassenzettel aus dem Korb gefallen. Im Hauseingang. Ich dankte ihm für den Hinweis und stellte den Korb und die Getränkekiste ab. Dann ging ich nach unten, um den Zettel aufzuheben. Als ich zurückkam, waren meine Sachen weg, aber ich hörte, wie der Aufzug in den fünften Stock fuhr.
Und nun also das Papier. In einem Anfall zivilen Ungehorsams suchte ich Alles an losen Blättern, Verpackungen, Kartons, Magazinen und Zeitungen zusammen, was ich hatte. Ich packte Tüten und eine Kiste und brachte mein Altpapier runter. Der Container war gar nicht voll, aber ich stellte mein Zeug daneben und hoffte auf Regen. Ja, das ist kindisch und blöd. Aber manchmal sind die Menschen so. Ich besonders.
Es regnete dann nicht. Aber als ich heute gucken ging, war mein Papier weg. Und zwar nur meines. Ich glaube, es befindet sich im Aufzug, der seit heute Morgen ununterbrochen vom Keller in die fünfte Etage fährt und wieder zurück. Ich habe keine Ahnung, wie der Mann das macht. Vielleicht hat er eine Fernbedienung. Jedenfalls hat es eine disziplinierende Wirkung. Für einen funktionierenden und zur Verfügung stehenden Lift würde ich das Papier nicht nur brav in den Container werfen, sondern auch noch Blümchen draufmalen.