Jan Weiler: Autor, Kolumnist, Pubertierhalter … Impressum
Mein Leben als Mensch — Verfasst am 16.12.2019

661_Text gegen Kiffer

Wir müssen mal übers Kiffen reden. Habe ich mir gedacht und meinem Sohn ein Gespräch dazu in Aussicht gestellt. Dabei bin ich nicht prinzipiell gegen das Rauchen von Gras. Es kann ganz schön sein, entspannend, in Gesellschaft auch heiter. Es ist bloß auch gefährlich. Und diese Tatsache muss man zwischendurch mal thematisieren. Das ist aber gar nicht so leicht, denn Cannabis hat einen Ruf wie Überraschungseier und Polonaise: Es gilt als lustig, gesellschaftlich konform und unschädlich. Es ist schwierig, darüber in eine Diskussion zu kommen, man fühlt sich, als müsse man gegen Bambi argumentieren.
Warum ist das so? Ich denke, das ist so, weil Cannabis das beste Marketing der Welt hat. Wer auch immer dahintersteckt, ist ein Genie. Gras ist erfolgreicher als Coca Cola, Facebook und Apple zusammen. Die Popkultur feiert das Zeug seit Jahrzehnten, es ist allgegenwärtig und weder aus Filmen noch aus der Musik wegzudenken. Und immer sind Kiffer dabei gechillte, irgendwie über den Dingen stehende Checker, die das Leben genießen und sich elegant gegen spießige Autoritäten auflehnen. Meistens mit Humor, immer gewaltfrei und auf jene sanfte Art stoned, die jedem ein Wohlgefallen ist. Dass Cannabis bei regelmäßigem Konsum aber auch antriebslos und doof macht, dass es Psychosen auslösen kann und Jahre von der Uhr der Jugend nimmt, ist zwar wahr, erreicht die Konsumenten aber in der Regel nicht, weil man darüber nachdenken müsste.
Ein Hauptargument der Cannabis-Lobby besteht darin, dass Kiffen für die Allgemeinheit aushaltbarer sei als zum Beispiel Saufen. Häufig formulierte These dazu: Wenn in Bierzelten kein Bier ausgeschenkt würde, sondern ausschließlich Gras, käme es ganz sicher weder zu Maßkrug-Schlägereien noch zu sexuellen Nötigungen. Das liegt auf der Hand, denn ohne Bierglas kann man sich keines gegenseitig auf den Kopf hauen. Und das mit den Übergriffen stimmt wahrscheinlich auch, denn das wäre einem Kiffer viel zu anstrengend.
Andererseits wäre ein Bierzelt mit dreitausend vollgedübelten Gras-Rauchern auch nicht wirklich ein gesellschaftlicher Segen, zumal auf einem Volksfest. Erstens bestellen die nur Obstgarten und Kinderschokolade zum Essen, wollen zweitens Eistee dazu und hören drittens Musik, zu der man überhaupt nicht schunkeln kann. Außerdem legen sie sich gerne ein bisschen hin und kommen dann nur ganz schlecht wieder hoch. Das liegt daran, dass regelmäßige Kiffer die mit Abstand langweiligsten Menschen der Welt sind.
Sie schwafeln pausenlos von ihren sensationellen Plänen und darüber, was sie davon abhält, endlich im Leben durchzustarten. Natürlich sind niemals sie selbst, sondern das System ist daran schuld, dass sie rein gar nichts auf die Kette bekommen. Dauernd wird einem auch die Behauptung verkauft, Cannabis sei keine Einstiegsdroge. Das habe ich nie begriffen. Entweder, das stimmt tatsächlich, dann muss man es mir noch einmal geduldig erklären, oder es handelt sich um einen klugen Move aus dem Strategielabor des Cannabis-Marketings. Ich habe jedenfalls wirklich noch nie von einem Drogenabhängigen gehört, der nicht als allererstes gekifft hätte. Was die Annahme, dass Gras zum Gebrauch anderer Drogen hinleitet, ja nicht völlig abstrus erscheinen lässt.
Auf jeden Fall ist es furchtbar schwer, argumentativ gegen das Cannabis-Marketing etwas auszurichten. Momentan hat das Hip-Hop-Trio „Antilopen-Gang“ diesbezüglich einiges auszuhalten. Es hat jüngst einen Song mit dem Titel „Lied gegen Kiffer“ nebst Video veröffentlicht und traut sich, ein paar Wahrheiten zum Thema auszusprechen, was in ihrer unter Grasdampf stehenden Branche schon mutig ist. An einer Stelle heißt es „dass es müde und verfressen macht und depressiv auch“. Das hören Betroffene ungern und deshalb muss die Band sich jetzt in sozialen Netzwerken beschimpfen lassen. Das wussten sie vorher, am Anfang des Liedes rappen sie „Ist nicht gerade cool, damit macht man sich nur Feinde.“
Stimmt wohl. Ich habe das Gespräch mit Nick jetzt auch erst einmal verschoben und ihm nur den Link zum Antilopen-Gang-Video geschickt. Vorhin hat er es sich angehört, es wummerte heftig aus seinem Zimmer. Mal sehen, vielleicht sagt er ja etwas dazu.