Jan Weiler: Autor, Kolumnist, Pubertierhalter … Impressum
Mein Leben als Mensch — Verfasst am 22.12.2019

662_Stresstest vorm Fressfest

Die Einzelhändler in München beklagen sich über ein maues Weihnachtsgeschäft. Das habe ich in der Zeitung gelesen. Daran sei zunächst einmal die Digitalisierung schuld. Die Leute kaufen angeblich einfach zu viele Geschenke online und drücken sich in frechem Ungehorsam vor der edlen Bürgerpflicht, für jeden Artikel eine Stunde auf einen Verkäufer zu warten und anschließend eine weitere Stunde an der Kasse rumzustehen, um dann den Krempel durch die halbe Stadt zu schleppen und im Parkhaus darauf zu hoffen, dass die 129 Autos vor ihnen bis Weihnachten durch die Schranke fahren.
Aber es sind nicht nur die Internet-Händler, die den Verkäufern in der Innenstadt die Laune vermiesen. Es sei vor allem auch viel zu warm, stand in der Zeitung. Da kauft man keine Winterkleidung und keine Ski-Ausrüstung und erst Recht keinen Glühwein. Der Deutsche säuft sich damit traditionell ab November das Fest schön. Dies allerdings nur, wenn es draußen kalt genug ist, sonst kommt keine Gemütlichkeit auf. Und Gemütlichkeit ist für Deutsche die Grundvoraussetzung für Zufriedenheit und ohne Zufriedenheit gibt es keinen Kaufrausch und ohne Kaufrausch keine glücklichen Einzelhändler.
Das Dumme ist nun: Bei vierzehn Grad Außentemperatur schmeckt Glühwein wie warme Sangria. Darauf haben sie nicht einmal in Nürnberg Bock. Der Konsum von Glühwein sei absolut nicht zufriedenstellend, klagen daher die Glühweinbudenbesitzer sowie die Hersteller von Kopfschmerztabletten. Man kann das Übel natürlich ein wenig abmildern, indem man alle deutschen Weihnachtsmärkte großzügig mit Schneekanonen beschießt, aber die Bombardierung deutscher Innenstädte egal mit was hat rein geschichtlich betrachtet keine große Fanbase und ist vielen Stadtverwaltungsbehörden daher nur schwer vermittelbar.
Ist ja auch egal. Wetter und Internet also. Vielleicht stimmt das ja, aber dann lebe ich
in einem Paralleluniversum. In dem München, in dem ich wohne, habe ich stark den Eindruck, dass seit Wochen alle Bewohner gleichzeitig Geschenke kaufen, und zwar solange, bis keine mehr da sind und man auf „geistreichen Genuss in Nuss“ von der Tanke ausweichen muss. Die einzigen Münchner, die sich an der massenhysterischen Jagd nicht beteiligen sind jene, die im Einzelhandel arbeiten. Die bilden wahrscheinlich den ehrlosen Stamm jener 15 Prozent Online-Kunden, die gerade nicht durch die Stadt hetzen.
Und nicht nur die Geschäfte sind voll, die Restaurants sind es auch. Und zwar alle. Ständig. Man muss überall reservieren. Wer hat eigentlich den Brauch eingeführt, dass man dabei fast überall nur noch online über eiskalte Buchungssysteme einen Tisch klar machen kann? Der Plan, einen romantischen Abend in einem Restaurant zu verbringen erinnert in seiner Vorbereitung sehr an die Beantragung einer Parklizenz mit Terminpflicht in halbstündigen Zeitfenstern, die ebenso humorlos wie rigoros vergeben werden. Als ich am Donnerstag versuchte, zunächst Geschenke zu kaufen und dann einen Abend bei Essen und Wein zu verbringen, kam ich mir vor wie eine Labormaus im Stresstest. Ich brauchte ungefähr drei Stunden, um ein Auswärtstrikot, ein Parfum, einen Bräter und drei Bücher zu erwerben und konnte deswegen nicht mehr fürs Abendessen einkaufen.
Also wollte ich einen Tisch reservieren und landete im Online-Booking auf der Website meines Lieblings-Restaurants. Dort gab es tatsächlich noch genug Plätze – und zwar ab dem 9. Januar. Beim nächsten Restaurant ging noch etwas, wenn auch nur für sechs Personen und ab 22:15 Uhr. Ich dachte kurz darüber nach, ob ich bis dahin genug Hunger haben würde, um für fünf zu essen, dann probierte ich weitere Restaurants, wobei ich immer anspruchsloser wurde und dennoch erfolglos blieb. München hat gut 2500 Restaurants mit schätzungsweise 100 000 Plätzen, von denen alle am Donnerstag reserviert waren. Es waren also sieben Prozent aller Münchner auswärts essen, die anderen haben keine Plätze bekommen. Am Ende gab es Dosen-Ravioli mit Kartoffelpüree, aber es hat sich niemand beschwert, denn wir saßen in einem sehr exklusiven Etablissement. Es verfügt überhaupt nur über einen einzigen Tisch. Und der steht in meiner Küche. Es ist fast unmöglich, dort einen Platz zu ergattern.