Jan Weiler: Autor, Kolumnist, Maurerbonbon … Impressum
Mein Leben als Mensch — Verfasst am 29.12.2019

663_Humptata im Waschbecken

Klassentreffen sind schön sentimental, ein bisschen wie Campari Orange. Deshalb freute ich mich, dass Carla vor Weihnachten ein Klassentreffen ihrer alten Schulfreunde organisieren wollte. Sie fragte, ob ich einen Ort für die Party wüsste. Ich schlug ihr einige Cafés vor, worauf sie zurückschrieb, dass sie eigentlich an meine Wohnung gedacht habe. Sie bestand darauf, dass diese perfekt sei. Und ob ich woanders schlafen könne. Wir einigten uns darauf, dass ich spät nach Hause kommen und mich dann ins Schlafzimmer verkrümeln würde.
Carla lud also ihre komplette Stufe zu mir nach Hause ein, und zwar für Samstag um 20 Uhr. Sie selbst traf um fünf vor acht ein, weil sie fand, dass Vorbereitung und Deko etwas für Spießer seien. Ich schloss mein Büro und mein Schlafzimmer ab und verließ die Wohnung. Sie rechnete mit beschaulicher Tristesse. Und da es nichts zu essen gebe, weil sich darum niemand gekümmert habe, werde man auch nichts schmutzig machen. Ich könne chillen.
Um 23:48 kehrte ich zurück. Bereits auf der Straße hörte ich gute Musik und dachte, „Oha, da macht einer eine Party“. Als ich die Tür aufschloss, wusste ich auch, wo die war. In meiner Wohnung drängelten sich Menschen, die ich noch mit Zahnspangen in Erinnerung hatte. Und tatsächlich gab es nichts zu essen, dafür hatten die Gäste reichlich Getränke mitgebracht. Ich begrüßte mein Kind, welches mich tadelnd ansah, weil ich nicht in meinem Zimmer war.
Also bahnte ich mir einen Weg durch mein zusehends zerbröselndes Heim und ging ins Bett. Gerade lief „Deutschland muss sterben, damit wir leben können“ in einer urigen bayerischen Humptata-Version. Musik für Montessori-Kinder eben. Ich dämmerte hinfort, als ein Schatten an mir vorbei huschte und in meinem Bad verschwand. Das war Amelie, dachte ich. Dann kam sie zurück, tapste durch mein Schlafzimmer und entwich in den Partylärm, von wo Gerrit in mein Schlafzimmer gespült wurde, der sehr rücksichtsvoll durch mein Zimmer schlich, um ebenfalls in mein Bad zu gelangen. Danach folgten Leon, Maxine, Paul, Mila und Justus. Auf dem Rückweg fragte ich ihn, was er in meinem Schlafzimmer verloren habe und Justus teilte mit, dass das Gästeklo nicht mehr funktioniere. Und da er mich seit fünfzehn Jahren kenne, habe er angenommen, es sei okay, wenn er stattdessen in mein Bad ginge.
Ich stand auf und wühlte mich zur Gäste-Toilette, wo der Maschinenbaustudent Max dabei war, den verstopften Abfluss vom Waschbecken abzumontieren. Emilia hatte hineingereihert, oder, wie Carla das nannte, sie hatte den Porzellanbus gerufen. Kein Wunder, diese klebrigen lauwarmen Getränke. Und dann ohne etwas zu essen. Das kann ja nur schiefgehen.
Ich verbrachte dann den Rest der Nacht in anregenden Gesprächen. Tobias erklärte mir, dass der Staat Illusion sei, dass es keine Regierung gebe und dass Eigentum ein Konstrukt der Obrigkeit sei. Als Ronja nach seinem Tabak griff, schlug er ihr auf die Finger und rief: „Das ist mein Tabak, kauf Dir eigenen.“ Später tanzte ich ein bisschen, dann gab ich den Widerstand auf und bot guten Rotwein und Grappa an. Lenz zeigte mir seinen neuen Tag-Stift, mit dem man kalligrafisch auf Bushaltestellen malen könne und Anna erzählte mir alles von ihrer Liebe zu einem Finnen, dem sie in Australien begegnet war. Vielleicht war es aber auch ein Australier, dem sie in Finnland begegnet war. Ich weiß nicht mehr. Ich hatte etwas von dem warmen pinken Hugo aus der Flasche.
Ich ging um vier Uhr ins Bett und stand um neun wieder auf, um zu putzen. Eigentlich wollte Carla das machen, aber sie schlief noch und ich wusste, dass ich bis zu ihrem Aufwachen nicht durchhalten würde. Bilanz: Ein Brandloch in der Couch, was mir nichts ausmacht, weil mir die Couch ja im Grunde eh nicht gehört. Ein kaputtes Glas, eine ausgelaufene Kerze auf dem Balkon. Alles nicht so schlimm. Aber zwei Fragen beschäftigen mich: Wie schaffen die Kinder es, acht Zigaretten in einem einzigen Kronkorken auszudrücken. Und warum muss Chiara ins Waschbecken lachen, wenn doch die Toilette direkt danebensteht. Warum? Carla hat gesagt, dass Alle so begeistert waren von meiner Gastfreundschaft, dass sie ihr Klassentreffen jetzt jedes Jahr vor Weihnachten bei uns abhalten wollen. Und da kommt Chiara ja auch wieder. Bin gespannt, was sie sagt.