Jan Weiler: Autor, Kolumnist, Bananenkrümmer … Impressum
Mein Leben als Mensch — Verfasst am 07.01.2020

664_Der schlechte Jahrgang 2019

Der Jahresrückblick des ZDF meldet sinkende Zuschauerzahlen. Offenbar hatten viele Deutsche genau wie ich den Wunsch, dass 2019 möglichst schnell und unbetrachtet vorübergehen möge. Ich mochte dieses Jahr von Anfang an nicht so richtig. Das hat mit der andauernden öffentlichen Hysterie zu tun, die mir inzwischen echt auf die Zwiebel geht.
Es wird bloß noch gemeckert und geschimpft. Besonders in den sozialen Netzwerken. Zuletzt haben sich Millionen Menschen so sehr über ein albernes Oma-Lied im Westdeutschen Rundfunk echauffiert, dass es beinahe einen Brennpunkt nach der Tagesschau gegeben hätte. Und über Diether Nuhr haben sich 2019 auch sämtliche Bewohner des Internets aufgeregt. Über einen Humoristen, der einmal nicht die Meinung derer vertreten hat, die sich sonst durch Satire in ihren Ansichten bestätigt fühlen. Nuhr hat sich dann seinerseits über seine Kritiker aufgeregt. Und über Greta Thunberg.
Wie man über dieses couragierte Mädchen derart in Wut geraten kann wie das 2019 der Fall war, fand ich erschreckend. Und es waren vor allem Männer, die sich abfällig bis justiziabel abwertend über sie äußerten. Der Umstand, dass Greta auf einer Zugreise zunächst auf dem Boden, dann in der ersten Klasse gefahren ist, glich im Nachrichtenwert in etwa der Meldung über einen Vulkanausbruch in der Eifel mit 50000 Todesopfern. Warum? Wo ist das Problem? Genau, es gibt keines. Aber weil das Meinungsmedium Internet eine unendliche Multiplikation von Erregung erzeugt, muss diese eben auch raus. Es ist ein Vulkanausbruch der Gefühle.
Der gescholtene Nuhr regte an, dass zukünftig für jeden Kommentar bei Facebook bezahlt werden solle. Die drei Frauen des Jahres 2019 hätten dann vermutlich Ruhe vor den dummen Anfeindungen, denen sie andauernd ausgesetzt sind, weil sie klüger, stärker und bedeutungsvoller sind als die Männer, von denen sie beleidigt werden. Frau des Jahres Nummer eins ist für mich jedenfalls Greta Thunberg. Die zweite heißt Carola Rackete, denn sie bewies Haltung und Mut, als sie die Flüchtlinge auf ihrem Schiff gegen den schnaubenden Willen eines chauvinistischen und fremdenfeindlichen italienischen Innenministers rettete. Und die dritte ist Megan Rapinoe, zweifache Weltmeisterin und Olympiasiegerin im Fußball, die im Leben nicht so viel Geld verdienen wird wie Cristiano Ronaldo, auch wenn der nie Weltmeister oder Olympiasieger geworden ist. Im Gegensatz zu ihm und den meisten anderen männlichen Fußballern hat sie ihre Popularität für wichtige politische Statements genutzt und ist weder durch Steuerbetrug noch durch ausdauernde Popanzigkeit aufgefallen.
2019 gab es leider keine Männer des Jahres. Die sind in diesem Jahr lediglich durch Würstchenhaftigkeit aufgefallen. Bushido zum Beispiel. Rein künstlerisch ist der Typ eine Art Döner-Spieß, an dem sich Beleidigungen in trägem Rhythmus in die Glut der öffentlichen Aufregung drehen. Er hat sich gerade entweder an Lena Gercke oder an Lena Meyer-Landrut abgearbeitet, da ist er etwas unpräzise. Auf jeden Fall ist festzustellen, dass sich in der Männerdomäne des HipHop etwas ändert. Bisher waren dort Frauen eher namenlose Bitches, die man zwar unterdrückt, aber nicht durch Nennung ihrer Namen besonders hervorgehoben hätte. Und nun sind Frauen wichtig genug, um von Bushido persönlich beleidigt zu werden. Man kann das als einen Sieg des Feminismus deuten.
Apropos Döner-Spieß. Für 2020 bin ich guter Hoffnung, dass mein Sohn Nick die Familie mit seiner neuen Geschäftsidee aus den Miesen reißt. Für all jene, die seine Vorliebe für Kebab-Spezialitäten teilen, hat er nämlich einen Unisex-Duft entwickelt. Er nennt ihn „L’Eau d’Ôner“ und der Flakon aus dickem bräunlichen Glas hat die signifikante Form eines mit Fleischlappen umwickelten Dönerspießes. „L’Eau d’Ôner“ riecht in der Basisnote nach Bratenfett und in der Kopfnote nach Quark mit Gewürzen. Es gibt den Duft wahlweise in den drei Ausführungen „scharf“, „ohne Zwiebel“ und „mit Alles.“
Nick sieht hier einen riesigen Markt und sucht jetzt nach Geldgebern, um seine Idee zu verwirklichen. Ich bin sicher, das wird was. 2020 ist sein Jahr!