Jan Weiler: Autor, Kolumnist, Yeti … Impressum
Mein Leben als Mensch — Verfasst am 13.01.2020

665_Saus und Braus

Die Menschen haben sehr unterschiedliche Vorstellungen von Luxus. Für mich zum Beispiel besteht Luxus in der kapriziösen Gewissheit, die letzte Zigarette einer Packung gedankenlos verqualmen zu können, weil ich weiß, dass ich noch eine volle habe und kein Sekündchen vorplanen muss, wie ich in einer Stunde an Nikotin komme. Und ich leiste mir manchmal das prickelnde Vergnügen, direkt vor dem Haus ohne Anwohnerausweis zu parken, obwohl ich einen Garagenstellplatz habe. Ich ziehe nicht einmal einen Parkschein und gehe bewusst das Risiko eines Strafzettels ein. Das ist total blöd, aber von Zeit zu Zeit gönne ich mir das.
Ich beschenke mein Gemüt auch mit luxuriösem Wohlgefühl, weil ich Waschmittelflaschen nicht aufschneide, um den letzten Rest grünen Blubbers verwenden zu können. Womöglich habe ich auf diese Weise schon zwei volle Flaschen in den Plastikmüll geworfen Neulich bin ich im Theater einfach gegangen, weil ich das Stück doof fand. Ich habe nur 63,6 Prozent des Kartenpreises abgesessen. Völlig schamlos. Ich führe also für meine Begriffe ein von Prasserei und Ausschweifung geprägtes Leben.
Vielleicht bin ich mit dieser Einschätzung aber auch zu streng, denn es wird Leute geben, die über meine Luxusdefinition nur müde lächeln. Für diesen elitären Kreis existieren gar keine Dinge, die ihnen übertrieben prunkvoll erscheinen. Ein Gläschen mit geschäumten Tränen vom norwegischen Frettchen ist für sie unverzichtbar, während sie sich mit dem Schicksal lodernder Dschungelcamp-Delinquenten die Seele wärmen. Solche Luxus-Afficionados sind allerdings dann tendenziell unangenehme Zeitgenossen, meistens prahlerisch und oberflächlich. Viel interessanter finde ich die Einstellung meines Sohnes Nick zum Thema. Also fragte ich ihn, als sich die Gelegenheit ergab. Er saß am Esstisch, aß einen Joghurt und tippte Emojis in sein Handy. Darauf angesprochen, was für ihn Luxus sei, antwortete er milchbärtig: „Luxus ist für mich, wenn immer Mangojoghurt am Start ist.“ Diesen Service kann ich aber leider nicht gewährleisten, weil Nick alle vier Becher innerhalb einer guten Stunde nach deren Anschaffung vertilgt.
Nick dachte kurz nach und zählte weitere Luxusmomente seines Lebens auf. Für ihn ist es demnach ein großer Luxus, dass er über gleich zwei volle Kleiderschränke verfügen kann, nämlich über seinen – und über meinen. Das finde ich manchmal seltsam. Ich wäre jedenfalls nicht auf die Idee gekommen, die Klamotten meines Vaters zu tragen. Außer an Fasching.
Ebenfalls ein riesiger Luxus ist für Nick, absichtlich bei Fortnite zu sterben, weil man ja wenige Augenblicke später wieder aufersteht. Manchmal begeht er aus lauter Freude darüber regelrecht Selbstmord. Und er empfindet sein Leben als außergewöhnlich reich, wenn er zu Fuß geht, obwohl er ein Fahrrad und mehrere Skateboards besitzt. Er könne diese jederzeit benutzen, aber er muss nicht. Er kann auch latschen. Und da er kaum Termine hat, kommt er deswegen auch nicht zu spät. Nick besitzt zudem drei Shampoos, die er nach Gusto abwechselnd verwendet, manchmal auch alle gleichzeitig.
Weiterer Luxus in seinem Leben: Sein Bett. Er wohnt darin. Es handelt sich um das sehr breite frühere Doppelbett seiner Eltern. Für ihn bedeutet es einen sagenhaften Distinktionsgewinn, dass er auf einer Seite seines Bettes alles vollkrümeln kann, aber immer noch genug Platz hat, um an einer Stelle zu schlafen, wo nichts piekst. Alle seine Freunde lieben dieses Bett. Sie haben schon zu viert darin übernachtet.
Mir gefällt, dass Nicks Vorstellungen von Luxus im Großen und Ganzen nicht viel Geld kosten. Er könnte jedenfalls verwöhnter sein. Und sich etwas zum Geburtstag wünschen, dass ich gestern sah, als ich beim Friseur eine der Zeitschriften durchblätterte, die man immer nur beim Friseur in die Hand nimmt. Darin abgebildet war ein kapriziöses Maßband. Also im Grunde ein zusammengerollter Blechstreifen in einem Gehäuse. Aus Sterling-Silber. Von Tiffany. Das Ding kostet 1200 Euro. Ich nehme an, dass jeder Zentimeter in dem Teil mindestens viermal so lang ist wie in einem normalen Modell aus dem Baumarkt. Ich bin jedenfalls sehr froh darüber, dass sie bei Tiffany keinen Mango-Joghurt herstellen.