Jan Weiler: Autor, Kolumnist, Reiseleider … Impressum
Mein Leben als Mensch — Verfasst am 20.01.2020

666_Lizenz zum Tröten

Eine Sensation jagt die nächste: Der Fisch des Jahres 2020 ist: Die Nase. Das verschlägt mir den Atem. Aber nur so lange, bis mich die tremolierend vom Internet vorgetragene Top-Nachricht aus dem Lager der bryologisch-lichenologischen Arbeitsgemeinschaft für Mitteleuropa erreicht. Weißer Rauch zieht durch die Konferenzsäle, denn man hat sich nach tumultösen Diskussionen geeinigt: Die Flechte des Jahres ist die Finger-Scharlachflechte.
Aber was hat die Finger-Scharlachflechte, was der gelbfrüchtigen Schwefelflechte fehlt? Gut, letztere war 2015 bereits Flechte des Jahres und wahrscheinlich war die Finger-Scharlachflechte einfach mal dran. Außerdem punktet die auch Cadonia digitata genannte Flechte mit vier Millimeter breiten Thallusschuppen. Und die sind nicht bloß schuppig, sondern am Rand nach oben gebogen und an der Unterseite mehlig sorediös. Alle Achtung.
Viel Interessantes ließe sich bestimmt auch zur Streuobstsorte des Jahres sagen, der gelben Wadelbirne. Aber am Ende fordern dann doch andere turnusmäßig sich wiederholende Meldungen den Großteil der medialen Aufmerksamkeit. Zum Beispiel die Verkündung der Nominierungen für den Oscar. Im Rennen ist dabei zum Beispiel wieder Quentin Tarantino, der den Kreis zum Streuobst des Jahres dahingehend schließt, als sein Kopf sehr an eine Wadelbirne erinnert. Auch die meisten anderen Favoriten in den wichtigsten Fächern sind in diesem Jahr Männer. Wenn sie auch in den Kategorien weibliche Haupt- und weibliche Nebendarstellerin antreten könnten, hätte gar keine Frau mehr eine Chance auf einen Oscar.
Dies finden viele Beobachter ungerecht und altmodisch. Die für 41 Oscars nominierten vier Top-Kandidaten der Kategorie „Bester Film“ sind tatsächlich sehr männlich anmutende Werke- Zu sehen sind Joaquin Phoenix als Bekloppter in „Joker“, Brad Pitt und Leonardo diCaprio als Hollywood-Mitarbeiter in „Once upon a time in Hollywood“, dazu Robert De Niro, wie er in „The Irishman“ digital altert sowie zwei Soldaten, die verzweifelt „1917“ durch Schützengräben stolpern. Frauen spielen überall eher untergeordnete Rollen.
Das wird auch im kommenden Bond-Film der Fall sein, allerdings hat sich von der Bond-Front gerade eine frische Personalie den Weg an die Oberflächlichkeit gebahnt, die doch sehr progressiv scheint. Den Bond-Song des Jahres 2020 singt nämlich Billie Eilish, was ich erst einmal für eine gute Idee halte, weil diese Eingangslieder früher deutlich mehr Kraft entfalteten als zuletzt. Shirley Bassey sang für „Goldfinger“ einen geradezu ikonografischen Titelsong, später folgten Paul McCartney für „Leben und Sterben lassen“ und natürlich Duran Duran mit der zeitlosen Krawallnummer „A view to a kill“. Unvergessen sind auch das fast parodistische „Thunderball“ von Tom Jones, das pathetische „Diamonds are forever“, wiederum von Shirley Bassey und „For your Eyes only“ von Sheena Easton.
Viele andere Bond-Lieder sind längst vergessen, weil sie einfach zu öde waren. Dazu gehören die meisten Songs aus der Daniel-Craig-Ära. Erinnert sich noch irgendwer an Chris Cornell, an das schlechte Lied von Alica Keys und das nichtssagende „Writings’s on the Wall“ von Sam Smith? Eben. Auf Billie Eildish liegt nun ein gewissen Druck. Aber auch sie wird nie den für mich besten Bond-Song aller Zeiten toppen. Kann sie gar nicht. Denn dieser Song ist für mich mit einem großen Lebensereignis verbunden.
Es fand 1977 statt. Mein Freund Martin und ich brachen zum ersten Mal in unserem Leben zu einem Kinobesuch auf. Nachmittagsvorstellung von „Der Spion, der mich liebte.“ Der Film war ab zwölf, aber ich war erst neun Jahre alt. Trotzdem bekamen wir an der Kasse die Karten. Wir schoben eine fürchterliche Angst vor nachträglicher Entdeckung durch das Personal. Mein Herz schlug wie wild. Dann begann der Film und James Bond überstand eine Verfolgungsjagd auf Skiern. Ich fürchtete immer noch, dass jemand kommen und uns rausschmeißen würde. Aber dann sang Carly Simon und plötzlich war klar, dass jetzt keine Kinderausweise mehr kontrolliert werden würden. Das war ein unglaublicher Triumph für mich. Carly Simon sang „Nobody does it better“ und das stimmt. Keiner kann das besser, niemand kommt auch nur nahe an dieses Gefühl heran, Nicht einmal Billie Eilish.