Jan Weiler: Autor, Kolumnist, Pubertierhalter … Impressum
Mein Leben als Mensch — Verfasst am 27.01.2020

667_Eine Schulung fürs Leben

Mein Sohn Nick hat von seinen Eltern etikettentechnisch alles beigebracht bekommen, um gut durch einen ersten Abend bei Schwiegereltern, Bewerbungsgespräche und Anbahnungsversuche in Schummerbars zu kommen. Zuhause hingegen lässt sein Benehmen Wünsche offen. Wenn er mit mir alleine ist, lässt er zum Beispiel ziemlich laut einen fahren und ruft dann: „Wer hat denn wieder die Ente hier reingelassen?“ Überall stehen seine Puddingbecher herum als markierte er Herrschaftsgebiete. Er zieht nicht ab, wenn er auf der Toilette war. Und er isst gerne direkt aus Pizzaschachteln. Ohne Besteck natürlich. Eigentlich hat er Tischmanieren wie ein Wikinger.
Insofern war es mir sehr recht, als er nun seinen ersten regelmäßigen Schülerjob begonnen hat, denn sowas ist oft eine Schule fürs Leben. Er arbeitet als Kellner bei einer Catering-Firma. Er und seine jugendlichen Kollegen müssen Getränke bringen, abräumen und hinter dem Buffet rumstehen. Da einem diese Tätigkeiten nicht unbedingt in die Wiege gelegt wurden, musste er vorher eine Schulung absolvieren. Das ist eine sehr sinnvolle Maßnahme, denn Nick würde sonst Wasser in Cognac-Gläser füllen, Messer ablecken und Damen in Abendgarderobe unumwunden mitteilen, dass sie krasse Hotties seien.
Die Schulung wurde an drei Nachmittagen absolviert und endete mit einer Art Abschlussprüfung. Am Abend davor wollte Nick dafür üben und kündigte an, er werde mir ein komplettes Abendessen in drei Gängen servieren. Für die Mahlzeit hätte ich zu sorgen, denn Rest übernehme er. Ich bestellte der Einfachheit halber bei einem thailändischen Restaurant Frühlingsrollen, Reis mit Hühnchen und eine Banane mit Honig. Während das Essen unterwegs war, deckte Nick ein. Mit Tischdecke, Stoffserviette und allem Pipapo. Er stellte drei unterschiedliche Gläser auf den Tisch. Als die Lieferung kam, nahm er sie in Empfang und bat mich zum Essen. Er rückte den Stuhl nach hinten und sagte: „Bittesehr.“ Ich setzte mich. „Wünschen sie zunächst ein Wasser?“ Ich fragte: „Was haben sie denn für Wasser?“ Darauf Nick: „Du musst „ja bitte“ sagen, damit ich fragen kann, ob still oder mit Gas.“ Da hatte ich schon den ersten Fehler gemacht.
Er brachte Wasser und fragte dann, ob ich zum Essen lieber Weißwein oder Rotwein haben wolle. Ich sagte „Bier“ und Nick verdrehte die Augen. „Siehst Du hier irgendwo ein Bierglas?“ Er brachte es trotzdem auf einem Tablett und stellte es robust ab. „Prösterchen“ sagte er und zündete eine Kerze an. Dabei zwinkerte er mir zu und sagte: „Erst Candlelight, dann sexy Night.“ Anschließend räumte er ächzend die Weingläser ab und brachte die Frühlingsrollen auf einem kleinen Teller. Ich aß und ich krümelte. Neben den Teller. Nick stand die ganze Zeit hinter mir und beobachtete mich. Als ich fertig war, riss er mir den Teller weg und sagte: „Alles voller Krümel. Himmelherrgott, hast Du denn gar keine Manieren?“ Ich verteidigte mich und wies darauf hin, dass der Teller so klein gewesen sei.
Er kam mit dem großen Handfeger, aber ohne Kehrblech und bürstete die Krümel in meinen Schoß. „So. Alles wieder sauber. Und? Hüngerchen?“ Ich nickte zaghaft und er brachte kalten gebratenen Reis mit kaltem Hühnchen. Ich reklamierte. Daraufhin steckte er einen Finger ins Essen und sagte: „Tatsache.“ Ich fragte: „Und was jetzt?“ Er ließ den Teller stehen und sagte: „Wenn Du was Heißes willst, kannst Du eine Ohrfeige haben. Die brennt richtig.“
Ich lehnte dankend ab aß den Reis und er servierte die Banane, die ich etwas matschig fand, was ihn zu der Bemerkung veranlasste, ich solle das nächste Mal eine Kokosnuss bestellen. Dann räumte er ab und brachte mir einen Averna aufs Haus. „Aber nicht kleckern“ sagte er. Schließlich setzte er sich und wir machten eine kleine Manöverkritik. Insgesamt fand er, dass ich mich wacker geschlagen hatte. Ich säße etwas schief und mein Gemoser sei nervend, aber wenigstens hätte ich kein Getränk umgeworfen und brav aufgegessen.
Da kann ich nur zustimmen. Ich bin im Großen und Ganzen kein schlechter Gast. Man kann mich auf Großveranstaltungen schicken. Vielleicht begegne ich dort eines Tages meinem Sohn. Er hat seine Aufgaben und die Gäste voll im Griff. Das möchte ich zu gern mal sehen.