Jan Weiler: Autor, Kolumnist, Babbo … Impressum
Mein Leben als Mensch — Verfasst am 03.02.2020

668_Selbstverständlich aufgeschmissen

Manche Dinge sind derart selbstverständlich, dass man nie über sie nachdenkt. Dazu gehören der Gebrauch des Handys, fließendes Wasser sowie der rechte kleine Zeh. Man wird erst auf sie aufmerksam, wenn Beeinträchtigungen eintreten. Bei mir versagten in den vergangenen vier Tagen gleich alle Gewerke. Erst Google Maps, dann die Wasserleitung und dann mein rechter kleiner Zeh. Und das ist mehr, als ein verwöhnter Mitteleuropäer ertragen kann.
Zunächst war ich mit einem Freund an einem Waldesrand spazieren. Plötzlich raste sein Hund in die Schonung und wir rannten hinterher, um ihn einzufangen, was aber nicht gelang, weil der Hund sich in den Kopf gesetzt hatte, einen flinken Forstbewohner zu jagen. Und beide sind schneller als jeder schlechtgelaunte Hundebesitzer. Da kann er brüllen, so laut er will. Es trieb uns tief in unbekanntes Gebiet.
So ein Wald ist schön, aber die Ausgänge sind schlecht beschildert. Erst dachten wir, dass man in so einem Wäldchen doch spätestens nach einem Viertelstündchen auf einen Forstweg oder wenigstens auf einen Förster trifft, aber dem war nicht so. Immerhin fingen wir den Hund ein und leinten in an. Dann marschierten wir in eine Richtung, die wir für „zurück“ hielten. Tatsächlich jedoch führte unser Weg immer tiefer in Regionen, in denen vor uns noch nie ein Mensch war. Ich zog mein Handy zurate, aber ich hatte kein Netz. Kein Wunder, denn es war ja noch nie jemand vor uns dort, um einen Funkmast aufzustellen.
Wir irrten weiter durch den Wald und ich dozierte darüber, dass die Bäume immer nur auf einer Seite Moos haben, woran man sehen kann, wo Norden ist. Leider habe ich vergessen, welche Seite des Baumes was sagt. Außerdem hatte ich den Eindruck, ständig denselben Bäumen erneut zu begegnen. Wenn der Herr Wohlleben Recht hat, dann kommunizieren die Bäume miteinander und helfen sich gegenseitig. Vermutlich wechseln sie auch kichernd den Standort, um verirrte Wanderer zu foppen. Nach zwei Stunden kamen wir dann doch an einen Weg, nach einer weiteren Stunde zu unserem Auto. Dort hatte mein Handy ein Netz und ich stellte fest, dass der ganze Wald gerade einmal zweieinhalb Quadratkilometer groß war. Das Abenteuer war aber mindestens zwanzig Quadratkilometer groß gewesen, weil wir verlernt haben, unseren Sinnen zu trauen – und ohne Google aufgeschmissen sind.
Als ich wieder zuhause war, ging ich früh schlafen und bemerkte daher den Feuerwehreinsatz in unserem Haus nicht. Bei den Nachbarn war ein Wasserrohr geplatzt und dies setzte die eine Hälfte des Gebäudes unter Wasser. Unsere Wohnung blieb davon verschont, aber die Feuerwehr stellte das Wasser für Alle ab, weil sie fand, dass das Gebäude nass genug war und daher in den kommenden dreißig Jahren keinesfalls Feuer fangen würde.
Als ich morgens aufstand, kam also kein Wasser. Ich nahm welches aus dem Kühlschrank und putzte mir damit die Zähne. Dann wollte ich die Zahnbürste reinigen und drehte am Leitungswasser. Komischerweise kam nichts. Dann benutzte ich die Toilette und zog ab, aber es kam kein Wasser. Ich wunderte mich sehr. Den ganzen Tag über drehte ich immer mal wieder den Hahn auf, um sofort zu denken: Esel, ist doch abgestellt. Trotzdem schaltete ich die Spülmaschine ein und wollte Buntwäsche waschen. So selbstverständlich war mir der Gebrauch von Wasser, dass ich jedes Mal innehielt und dachte: Verdammte Axt, so ist das also, wenn die zivilisatorische Behaglichkeit Pause macht.
Nach zwei Tagen hatten mein Sohn und ich uns daran gewöhnt und duschten morgens im Hallenbad. Aber die Laune sank irgendwie. Hier und da drehten Nick oder ich mit pessimistischem Vergnügen am Wasserhahn. Und dann, plötzlich, gestern Abend, machte es „spotz“ und „gurgel“ und „prust“ und das Wasser war wieder da. Im Rahmen eines freudigen Regentänzchens knallte ich mit dem rechten kleinen Zeh gegen die Heizung im Bad. Der Zeh schwoll an wie der bayerische Ministerpräsident nach acht Halben Weißbier und schmerzt seitdem ungeheuer. Vorher war mir nie aufgefallen, dass ich überhaupt kleine Zehen habe. Und nun das! Man sollte sich in unserer verwöhnten Gesellschaft wirklich mehr Gedanken über Handy-Abhängigkeit, Wasser und unterschätzte Körperteile machen.