Jan Weiler: Autor, Kolumnist, EU-Kommissar … Impressum
Mein Leben als Mensch — Verfasst am 11.02.2020

669_Randall, Morlocks und Tak Tak

Erst gerade eben ist mir aufgefallen, warum ich so gerne zu dem Bäcker gehe, zu dem ich immer gehe. Wenn ich dort nämlich mein Brot schneiden lasse, klingt die Maschine genauso wie die Duschszene aus „Psycho“. Es kann sogar sein, dass ich das Brot nur deshalb schneiden lasse, weil mich dabei für einen Moment dieser wohlige Psycho-Grusel durchfährt.
Mit dem kann man übrigens bei unserem Sohn nicht mehr punkten. Vor einiger Zeit habe ich mit ihm den Film angeschaut. Ich hatte ihm erzählt, dass seine Oma jahrzehntelang nicht unbefangen duschen konnte, weil ihr diese Szene nachhing, die sie mit 21 Jahren im Kino gesehen hatte. Nick reagierte auf Norman Bates dann eher mit mildem Spott. Aber die Kinder sind heute auch wirklich furchtbar abgebrüht. Nicht einmal die großartig fürchterlichen Zombies bei „The Walking Dead“ jagen ihnen Angst ein. Sie erkennen die Ironie, das metapherartige in diesen Gestalten und wenn denen in der Serie der Kopf abgeschlagen wird, greift Nick in die Erdnüsse und sagt: „Eigentlich ist das gar keine Gewalt, denn die sind ja schon tot.“ Er ist der Ansicht, die Horror-Serie sollte ab sechs Jahren freigegeben werden.
Dabei war er als kleiner Junge empfindlich, was Filme anging. Die traumatischste Gestalt seiner Kindheit war Randall Boggs, der Bösewicht aus der „Monster AG“. Sobald der auftauchte, versteckte Nick sich hinter dem Sofa. Er träumte sogar von Randall, aber er wollte den Film trotzdem immer wieder sehen. Heute findet er den Film lustig und kann nicht mehr verstehen, was ihn an dem echsenhaften Randall so beunruhigt hat. Das Gefühl kenne ich.
Die Monster meiner Kindheit waren die Morlocks aus dem Film „Die Zeitmaschine“. Rückblickend betrachtet waren das eher ulkige Gestalten, sie sehen dem aktuellen britischen Premierminister nicht unähnlich. Aber als ich sieben Jahre alt war, haben die Morlocks mich völlig fertiggemacht. Sie hatten leuchtende Augen, wohnten in Höhlen und aßen gerne Elois. So hießen ihre freundlichen, aber strohdoofen Nachbarn. Beim Gedanken an die grunzenden und zottelhaarigen Menschenfresser konnte ich monatelang kaum schlafen.
Wahrscheinlich schleppt jeder von uns so einen kleinen Alpdruck mit sich herum. Und die Grusel-Szenarien sind individuell wie Fingerabdrücke. Ich kenne zum Beispiel eine Dame mit Chionophobie, so nennt man die Angst vor Schnee. Sobald eine Flocke fällt, ist sie kaum zu beruhigen. Der diesjährige Winter macht ihr extrem gute Laune. Und unsere Tochter findet Artischocken auf eine geradezu surreale Art und Weise beunruhigend. Sie ängstigt sich so sehr vor Artischocken, dass sie noch nie eine probiert hat.
Um meine These vom Individualgrusel zu überprüfen, fragte ich in meinem Bekanntenkreis herum, was den Leuten bedrückende oder auch unterhaltsame Pein bereitet. Die Auskünfte waren tatsächlich sehr eigenartig. Ein gestandener Manager erzählte mir, dass er die ersten fünfundzwanzig Jahre seines Lebens schlechte Träume hatte, weil er so eine fürchterliche Angst davor hatte, dass Nils Holgersson im Flug von der Gans fallen könnte. Ein anderer berichtete mir, dass er sich seit seiner frühesten Kindheit kaum beruhigen kann, wenn Kakaopulver in der Milch klumpt. Und eine Mutter von vier Kindern erzählte mir, dass der gruseligste Moment ihres ganzen Lebens gewesen sei, als eines Tages ein paar fremde schmutzige Gummistiefel Größe 48 vor dem Haus ihrer Eltern gestanden hätten. Sie gehörten ihrem Onkel, der bei einem Spaziergang zu Besuch kam. Das hatte sie nicht mitbekommen. Sie kann bis heute den Anblick von Gummistiefeln nur schlecht ertragen.
Während meiner Recherche ging ich auch zu meiner monatlichen Massage bei einer sehr kleinen aber ungemein robusten thailändischen Massage-Fachkraft. Während sie auf meinem Rücken herumlatschte, fragte ich sie, was ihr so richtigen Grusel bereite. Sie dachte nach, verschob meine Wirbelsäule drei Zentimeter nach links und erzählte dann, dass ein dreiundsiebzigjähriger Kunde sich in ihre Cousine verliebt habe. Sie sei erst fünfundzwanzig und er schicke ihr jeden Monat 300 Euro. „Und das findest Du gruselig?“ fragte ich. Und sie antwortete: „Nein! Das nicht guselik. Aber haben tak tak mackt. Und er so alt.“ Tak Tak mit dreiundsiebzig! Ja. Wirklich. Sehr gruselig!