Jan Weiler: Autor, Kolumnist, Schmutzschleuse … Impressum
Mein Leben als Mensch — Verfasst am 24.02.2020

671_Die Nachlass-Verwaltung

Wenn Kinder das elterliche Heim verlassen, um fortan irgendwo anders nicht aufzuräumen, leiden viele Eltern. Selbst die erfreuliche Tatsache, dass sie Teller und Gläser wieder aus dem Schrank nehmen können und nicht mehr unter Betten oder Sofas suchen müssen, kann sie nur schwer mit dem Umstand versöhnen, dass sie irgendwie zurückgeblieben sind.
Die ehemaligen Pubertiere melden sich dann immer seltener, es sei denn sie brauchen jemanden, der ihre Kommode durch die Gegend fährt oder sie benötigen Geld für ein Techno-Festival in Ungarn. Dieser allmähliche und ganz normale Kontakschwund ist für viele Eltern schwer auszuhalten. Man kann den Prozess auch leider nicht umkehren, allerhöchstens lässt er sich verlangsamen, indem man zum Beispiel unter dem Vorwand anruft, man habe gehört, dass in der Nähe der Tochter, also nur etwa 320 Kilometer entfernt, jemand mit dem Corona-Virus infiziert sei und mache sich Sorgen.
Oder man pflegt gemeinsame Rituale, die die Anwesenheit der Kinder zwingend erforderlich machen. So ist es zum Beispiel in vielen Familien Brauch, dass die abgängigen Großkinder am Wochenende nach Hause kommen, damit ihre Mütter ihre Wäsche waschen dürfen. Auf diese Weise kann man sich ein Bild vom Allgemeinzustand des Nachwuchses machen und gegebenenfalls daran herumnörgeln. Ich habe von klammernden Eltern gehört, die den Wäscheservice selbst dann noch aufrechterhielten, als ihre Tochter bereits verheiratet und selbst Mutter war. In derartigen Härtefällen fehlender Ablösung kann es allerdings mit den Jahrzehnten zu Empfindlichkeiten und Spannungen zwischen den Generationen kommen. Schon ein Wechsel des Waschmittels führt dann aufgrund des ungewohnten Duftes der Wäsche zu Unmut und ebenso heftigen wie berechtigten Klagen der Kinder.
Aber auch die Eltern reagieren irgendwann gereizt und ablehnend auf die früher so geliebten Kinder. Es soll Väter und Mütter gegeben haben, die es nicht mehr mit ansehen konnten, wie der Sohn im Schneidersitz bei ihnen unter dem Weihnachtsbaum hockte und Geschenke aufmachte. Er war zu diesem Zeitpunkt 54 Jahre alt und Chef einer Sanitärfirma. Da kann man erwarten, dass man sich ordentlich auf einen Stuhl setzt und das Papier mit erwachsener Gelassenheit öffnet, anstatt es in Fetzen zu reißen wie ein Dreijähriger auf Speed.
Auch bei uns ist der Vorgang der Loslösung in vollem Gange. Carla meldet sich selten, aber ich halte den Kontakt, indem ich ihr auf allen verfügbaren sozialen Netzwerken folge wie ein Sektenanhänger seinem Guru. Ich bin über Frisurentrends und Partnerwahl im Bilde. Und ich weiß, dass ich noch nicht völlig abgemeldet bin, denn ich halte einen Trumpf im Ärmel, der auch in anderen Familien immer wieder sticht: Sie hat nämlich noch Sachen im Keller.
Es bleibt ja immer etwas zurück. Im Grunde handelt es sich um Krempel. In Ihrem Fall um einen Kaufmannsladen, ein Prinzessinnenschloss, ihr Kinderbett und einen Karton. Wir bewahrten alles auf, weil wir fanden, das sei toll für den Fall, dass sie selber einmal Kinder hätte. Neulich telefonierten wir, weil ich dachte, sie sei vom Sturm hinweggeweht worden und sie erklärte mir, dass sie auf keinen Fall Kinder wolle, schon um das Klima zu schonen. Ich war begeistert und sagte, dass wir ja dann ihr Zeug aus dem Keller entsorgen könnten. Ich brauche nämlich den Platz dort selber für Dinge, die ich nicht mehr sehen aber behalten will. Aufgeschreckt durch diese Drohung kündigte sie ihren Besuch an, um das Zeug zu sichten.
Sie erschien am nächsten Abend und gemeinsam schauten wir uns alles an. Schließlich öffnete sie den großen Karton. Er enthielt einen schrecklichen Spiegel mit Motiven aus der Twilight-Saga, einige CDs, ein Plüschtier, dazu ihre ersten Liebesbriefe, zahlreiche Fotos und andere Devotionalien ihrer Adoleszenz. Ich fragte, was wir damit machen sollten und sie sah mich an wie ein angeschossenes Reh. Sie sagte: „Wenn das weg wäre, dann wäre ich ja gar nicht mehr da. Ein bisschen was von mir muss immer hierbleiben.“ Zutiefst gerührt schob ich den Karton wieder ins Regal und dort kann er für immer bleiben. Den Kaufmannsladen, das Schloss und das Bett verwahren wir auch. Vielleicht ändert sie ja wegen der Kinder noch mal ihre Meinung. Und dann brauchen wir die Sachen wieder.