Jan Weiler: Autor, Kolumnist, Trompetenkäfer … Impressum
Mein Leben als Mensch — Verfasst am 02.03.2020

672_Professionell traditionell

Was mir bei der Zeitungslektüre auffällt: Momentan schauen unsere Politikerinnen und Politiker auf Fotos nicht besonders glücklich aus. Man hat sie parteienübergreifend schon ausgelassener gesehen. Man könnte die Volksvertreter für ihren andauernden Gram bedauern, was mir aber schwerfällt. Die haben sich den Job ja selber ausgesucht. Jedenfalls habe ich in Bezug auf die Berufsausübung als „Politiker“ noch nie etwas von Zwangspolitisierung gehört.
Und außerdem hält der Beruf des Politikers viele Sonnenseiten und Vergünstigungen bereit, zum Beispiel den praktisch lebenslang kostenlosen Verzehr von Konferenzkeksen und Saft aus kleinen Flaschen, die man sonst nie kaufen würde. Oder die großflächige und manchmal bundesweite Plakatierung der eigenen Birne alle vier Jahre. Als Privatperson könnte man sich so etwas ja nie leisten. Wer also derartige Privilegien genießt, muss auch die unangenehmen Momente aushalten können. Dazu gehört zum Beispiel die von Zeit zu Zeit unabdingbare Konfrontation mit Wählerinnen und Wählern im Heimat-Wahlkreis oder anderen ländlichen Gegenden, die man geradezu hysterisch meidet.
Das Aufeinandertreffen von Volk und Volksvertretern wird in der Regel gut organisiert und unter ein Motto gestellt, meistens hat es mit dem Verzehr regionaler Lebensmittel zu tun. Und so wird also ein Bundesminister oder eine Landesministerin oder ein Ministerpräsident oder eine Fraktionsvorsitzende aus dem Fond des Dienstwagens direkt vor die Füße eines aufgeregten Gastgebers aus der kommunalen Politik-Ebene gekippt und dann geht es los mit der traditionellen Verkostung eines Krefelder Zwiebelmett-Bonbons. Oder mit dem traditionellen Wurstwassertrinken in Straupitz. Mit dem traditionellen Schweine-Schwartenkauen in Vellmar. Oder mit dem traditionellen Spätzleweitwurf in Schorndorf.
Wenn es keine sonderbare Hervorbringung der Metzgerinnung oder einer anderen Innung gibt, muss der Berliner Gast stundenlang neben einem holsteinischen Bürgermeister sitzen und Krabben pulen oder in Oberhessen Flachs kämmen oder in Rosenheim Selfies mit frechen Schülerinnen machen, die einen nicht einmal erkennen und Witze machen, die man nicht versteht. Auf den Fotos in der Lokalpresse sieht so ein Bundes-Politiker immer aus, als hätte ihm die Kanzlerin den Pass abgenommen, um ihn an der Flucht zu hindern.
Warum tut man sich das an? Die Motive der Volksvertreterinnen und Volksvertreter für den tapfere Verzehr von Hartwürsten oder das Aufsetzen landestypischer Trachtenmützen sind immer dieselben. Erstens müssen sie dann und wann nahe am Volk sein und denken offenbar, dass Wählerin und Wähler sich nichts sehnlicher wünschen als einen Landesvater, der in Wattstiefeln vor ihnen steht und den traditionellen Scharbeutzer Kümmelknaller runterwürgt. Zweitens möchten die von fern angereisten Volksvertreter regionale Kollegen bei der Kommunalwahl unterstützen und drittens können sie sich der ungeteilten Aufmerksamkeit der Presse sicher sein, denn niemand außer ihnen käme auf die Idee, freiwillig in einem Bierzelt zwischen sieben Jodlern auf einer Bühne zu stehen und den traditionellen Mittags-Schnalzer der Ramsauer Gebirgs-Burschenschaft aufzuführen.
Besonders Letzteres, nämlich die geballte Anteilnahme der Medien, scheint sehr verlockend zu sein und deshalb nutzen manche Spitzenpolitiker die Gelegenheit für unfassbar wichtige Verlautbarungen. Vor wenigen Tagen war zum Beispiel der immer ein wenig an eine 30-Watt-Glühbirne erinnernde Friedrich Merz in der Zeitung abgebildet. Neben ihm saß Philipp Amthor, jener juvenile CDU-Politiker, der es schafft, selbst neben Merz noch alt auszusehen. Amthor hatte Merz extra eingeladen, damit dieser die Bombe seiner Parteichef-Kandidatur mitten in einer zauberhaften regionalen Veranstaltung zünden konnte. Und das gelang auch. Das Bild des vielleicht wegen der langen Fahrt leicht griesgrämig wirkenden Merz wurde in der Süddeutschen Zeitung um einen Satz ergänzt, der Glanz und Elend eines deutschen Spitzenpolitikers auf das schönste miteinander in Einklang bringt. Da stand nämlich: „Beim traditionellen Heringsessen in Ueckermünde lässt der frühere Unionsfraktionschef wenig Zweifel daran, dass er wieder politischer Entscheider sein will.“