Jan Weiler: Autor, Kolumnist, Diätkenner … Impressum
Mein Leben als Mensch — Verfasst am 09.03.2020

673_Carla hat das Wort

Die bisherigen 672 Folgen dieser Serie wurden von mir verfasst. Noch nie habe ich die Verantwortung für diese Kolumne geteilt oder sogar abgegeben. Doch für heute, für den Weltfrauentag, habe ich meine Tochter gebeten, sie zu übernehmen. Hier ist ihr Text:
Im Grunde ist mir egal, ob gerade Weltfrauentag ist oder Weltkatzentag oder Weltschifffahrtstag. Ich glaube nicht sehr daran, dass sich irgendetwas ändert, bloß weil man einen Tag lang mehr Artikel über ein Thema schreibt. Die Eröffnung der Grillsaison hat also für mich keine geringere Bedeutung als der Weltfrauentag. Das hat vor allem damit zu tun, dass ich ziemlich enttäuscht bin von der Art, wie die Menschen miteinander umgehen. Besonders die Männer im Umgang mit den Frauen Sie lernen einfach gar nichts dazu. Und ich fürchte, das wird sich durch den Weltfrauentag nicht ändern.
Dabei leben wir angeblich in einer zivilisierten und modernen und aufgeklärten Welt. Aber wie ist es dann möglich, dass ich trotzdem tagtäglich mit dem Chauvinismus von Männern konfrontiert werde? Andauernd werde ich gemustert und bewertet. Ihr Männer denkt vielleicht, dass Frauen das nicht bemerken. Eine Freundin von mir arbeitet als Flugbegleiterin und sie erzählt mir, dass sie sich manchmal fühlt wie ein Kalb auf einem Basar, wenn sie den Getränkewagen durchs Flugzeug schiebt. Manche Männer gaffen völlig ungehemmt auf sie ein und ziehen sie mit ihren Blicken aus. Das spürt man. Und es ist nicht einfach nur unangenehm, sondern widerlich. Da könnt Ihr so freundlich lächeln wie ihr wollt. Eigentlich macht es das nur schlimmer.
Oder Eure Art, uns im Club anzutanzen. Da wird nur selten schüchtern geflirtet, geschweige denn sich höflich vorgestellt. Das kann sehr schön und aufregend sein, setzt aber ein Mindestmaß an Eloquenz und Charme voraus. Beides ist leider ziemlich selten und es wurde durch flache Sprüche und dreistes Gegrabsche ersetzt. Wenn man Männer dafür kritisiert, sind sie beleidigt. Aber ich merke gerade, dass ich am Weltfrauentag mehr über Männer rede, als über Frauen. Irgendwie auch bestürzend. Zum Beispiel wäre es wichtig, dass man den fehlenden Zugang der Frauen zum Priesteramt bei den Katholiken thematisiert. Es würde so viel für das Vertrauen der Frauen in die Institution Kirche tun.
Man müsste darüber sprechen, dass die Genitalverstümmelung an Frauen keineswegs ein Mythos ist, sondern immer noch alltägliche Praxis. Oder man müsste über Zwangsprostitution reden. Aber gerade bei diesem Thema fällt vielen Männern nicht viel mehr ein als höhnisches Gelächter. Kann man sich auf Youtube ansehen, in einem Nachrichten Mitschnitt aus den Achtzigern. Da spricht eine Frau im Bundestag darüber, dass Vergewaltigung in der Ehe strafbar sein sollte – für mich ist das ja auch Zwangsprostitution – und ein Haufen Männer bepisst sich darüber. Alles gewählte Volksvertreter. Und die Hälfte ihrer Wähler sind Frauen. Letztlich wurde die Vergewaltigung in der Ehe erst vor knapp zwanzig Jahren unter Strafe gestellt. Das ist gut, ändert aber die Einstellung der Männer gegenüber Frauen nicht. Manchmal könnte ich wirklich kotzen.
Vor ein paar Tagen habe ich zum Beispiel in der U-Bahn gesessen und gehört, wie zwei Männer über eine Frau mit Kopftuch gesagt haben, sie sei eine Dönerschlampe. Sie haben relativ leise miteinander gesprochen. Sie wollten nicht, dass es jemand mitbekommt, aber ich habe es gehört. Was sie sagten war frauenfeindlich und dazu auch noch rassistisch. Dabei sahen die Typen nicht aus wie Asoziale, das waren ganz normale Studenten. Man hätte nicht angenommen, dass sie so etwas denken oder formulieren würden. Ist aber offenbar unter Männern völlig in Ordnung.
Wahrscheinlich denken diese Typen, der Weltfrauentag sei so etwas wie Valentinstag und schenken ihrer Frau dann eine Praline oder eine Blume. Sie glauben, es sei damit getan, dass man sich vornimmt, ein wenig netter zu sein. Und am nächsten Tag haben sie ihre guten Vorsätze vergessen und benehmen sich genau so dumm und ignorant wie immer. Und es ändert sich nichts. Trotzdem danke für die Aufmerksamkeit.