Jan Weiler: Autor, Kolumnist, Kapselheber … Impressum
Mein Leben als Mensch — Verfasst am 16.03.2020

674_Virulente Hysterie

Covid 19 zeigt gerade, wie eine Gesellschaft durch mikroskopisch kleine Störungen ziemlich mühelos aus der Bahn geworfen werden kann. Die Dynamik erinnert an Theaterstücke von Brecht oder Dürrenmatt. Es reichen einige wenige Infizierte und Bilder von Ärzten mit Schutzmasken sowie die Mitteilung, dass es sich um einen neuen Erreger handelt, gegen den man noch nicht geimpft werden kann. Und schon darf man nicht mehr ins Fußballstadion, die Menschen fangen an sich zu misstrauen und Miracoli wird knapp.
Dabei will ich hier gar nichts verharmlosen. Alle Schutzmaßnahmen und Warnungen sind vermutlich gerechtfertigt. Chöre gelten wegen der ganzen Spuckerei beim Singen wohl zurecht als Brutstätten des Todes, Meditationsgruppen eher nicht so. Also wird nicht gesungen, wohl aber gemeinsam geschwiegen. Und es ist nicht zu viel verlangt, wenn wenig gefährdete junge Menschen nicht so viel ausgehen und stattdessen zuhause saufen sollen, besonders wenn sie für den Folgetag einen Besuch bei der Oma im Altenheim geplant haben.
Was es hingegen nicht braucht, ist die kreischlaute Hysterie, mit der in den Medien die Kranken wie beim Hofappell minütlich durchgezählt werden. Und ich brauche auch keine ständig aktualisierten Mitteilungen über neue Corona-Bestimmungen in Weltgegenden, die sich sonst auf unser Desinteresse fest verlassen können.
Ich weiß ja nicht, wie man in Finnland oder in Kanada mit dem Corona-Virus umgeht, aber ich fürchte, wir Deutschen sind in vorsorglicher Panik weltweit führend. Überall außerhalb unserer Landesgrenzen existiert dafür sogar ein Begriff: German Angst. Man muss bei so viel Aufregung regelmäßig daran erinnern, dass jetzt gerade keine Zombie-Apokalypse über uns hereinbricht. Und keiner ist schuld. Die Ächtung oder Beschimpfung von italienischen Gastronomen oder chinesischen Maschinenbaustudenten ist daher ebenso fehl am Platz wie der Boykott von Pizza und Frühlingsrollen. Aber tatsächlich habe ich selbst kluge Menschen schon sagen hören, dass sie erst mal nicht mehr zum Italiener gehen wollen. Viel wichtiger als ein Schutz vor dem Corona-Virus erscheint mir auf jeden Fall die Entwicklung eines Impfstoffs gegen Hysterie zu sein. Ich glaube, wer das erfindet, darf auf den Nobelpreis hoffen. Und zwar in den Kategorien Medizin, Wirtschaft und Frieden.
Aber das ganze Brimborium hat auch eine gute Seite, wenigstens eine. Es macht uns nämlich darauf aufmerksam, dass wir bereits bei vergleichsweise geringen Problemen durchdrehen. Wir könnten genau jetzt einmal darüber nachdenken, dass es Länder, Regionen, ganze Erdteile gibt, in denen andauernd Krisen zu bewältigen sind. In denen die Menschen wirklich um ihr Leben fürchten oder damit rechnen müssen, sich mit irgendwas anzustecken. Während wir in einer Mischung aus Smartshopper-Mentalität und Schwarmblödheit anfangen, Schutzmasken und Linsensuppe zu bunkern, gibt es tatsächlich anderswo echte Notlagen. Manchmal müssen die Menschen dann von dort sogar zu uns fliehen. Daran sollten wir denken, und zwar ganz besonders jene Bevölkerungsteile, die bereits die Empfehlung, einen Clubbesuch zu vermeiden als unerhörten Eingriff in ihr Privatleben empfinden.
Das muss man mal den Leuten erzählen, die gerade wegen wirklich ernsten Eingriffen in ihr Privatleben aus Idlib fliehen und nun an der griechischen Grenze mit Tränengas beschossen werden. Aber damit beschäftigen wir uns nicht so gern und hören lieber mit nicht geringer Angstlust einem Reporter zu, der vor einem leeren Supermarktregal steht und darüber tremoliert, dass in Wattenscheid langsam der Kochbeutelreis ausgeht.
Ich selbst habe übrigens bei der Bevorratung diese Woche taktisch voll auf Nudeln gesetzt. Bei mir gibt es Pasta in allen Formen und Größen. Klopapier habe ich hingegen erst einmal nur in haushaltsüblicher Menge angeschafft, das geht wahrscheinlich nächste Woche zur Neige. Aber in Nudeln bin ich führend in der Nachbarschaft. Ich halte das für eine ziemlich brillante Strategie. Wenn nämlich bei den Anderen langsam das Toilettenpapier zur Neige geht, habe ich immer noch sechshundert Blätter Lasagne.