Jan Weiler: Autor, Kolumnist, Bananenkrümmer … Impressum
Mein Leben als Mensch — Verfasst am 23.03.2020

675_Corona-Konsum

Normalerweise vergehe ich ja in Liebe zu meinen Landsleuten. Echt. Ich mag uns Deutsche wirklich gerne. Aber das ist kein großes Kunststück, denn eigentlich mag ich fast alle Menschen, ganz unabhängig von ihrer Nationalität. Aber da ich die Deutschen nun einmal am besten verstehe, mag ich sie eventuell sogar ein kleines bisschen mehr als zum Beispiel die Indonesier oder die Bolivianer.
Was ich an den Deutschen besonders mag ist ihr Hang zum Pathos, auch wenn es kulturell nicht so fest grundiert ist wie in Italien. Dort wird beispielsweise das Turiner Grabtuch seit vielen Jahrzehnten hingebungsvoll verehrt und angebetet, auch wenn es vielleicht gar nicht echt ist. Etwas vergleichbares gibt es in Deutschland ebenfalls. In einer Dortmunder Kneipe kann der ergebene Gast eine eingerahmte Jacke bewundern, die ein Fußballer trug, als er angeblich Passanten mit einem Döner bewarf. Man könnte also sagen: Turin hat Jesus, Dortmund hat Kevin Großkreutz.
Die Deutschen sind jedenfalls durchaus zu erhabenen Emotionen fähig und genau das ist der Grund, warum die Flamme meiner Liebe gerade ein wenig zittert. Es ist nämlich bei aller Liebe so: Mir gehen meine Deutschen Mitbürger gerade wahnsinnig auf den Zünder mit ihren Gefühlsausbrüchen. Corona hier, Corona dort. Selbstverständlich tauchen die ersten Verschwörungstheoretiker auf, deren Blödsinn auch noch eifrig geteilt wird. Natürlich melden sich auch Leute, die überhaupt nicht einsehen, dass sie bei schönem Wetter nicht in den Biergarten sollen. Und manche klauen das Desinfektionsmittel im Krankenhaus.
Ich bin ja kein Arzt, aber mir kommt es so vor, als befalle das Corona-Virus nicht in erster Linie die Lunge einiger, sondern den Kopf sehr vieler Deutscher. Bezogen aufs Einkaufen kann man sagen: Es sind nicht nur Klopapier und Spülmaschinentabs komplett weg. Hirn ist offenbar auch aus. Anders ist es nicht zu erklären, dass die Leute entschieden viel mehr Saft kaufen als sie jemals trinken können. Und Backhefe. Und Auberginen. Interessant ist aber marktforschungstechnisch auch, was bei den Deutschen nicht so gut ankommt. Zum Beispiel ist Tiefkühl-Pizza praktisch ausverkauft, bis auf die ziemlich absurde Sorte „Pizza Pasta“. Das ist Pizza mit Nudeln drauf und das will keiner. Eigentlich komisch, wo diese Variante doch zwei der wesentlichen Sehnsuchtsprodukte des deutschen Bedarfs in einem einzigen Auftauprodukt auf das geheimnisvollste amalgiert. Auch Pizza Tonno gibt es noch. Und Flammkuchen mit Lauch. Letzteres ist wahrscheinlich zu sophisticated für Deutsche. Die halten Flammkuchen eher für Betrug, weil der Boden so unverschämt dünn ist.
Der Auftrag meines Sohnes für das Abendessen lautet „Ravioli“, die ich bisher nie in Dosen gekauft habe, sondern immer in Portionsbeuteln. Die Büchsenvariante habe ich seit Kindertagen nicht mehr gegessen und habe auch keine besonders glamourösen Erinnerungen daran. Ich weiß noch, dass man sie unzerkaut den Schlund hinuntergleiten lassen konnte, besonders, wenn sie kalt waren. Das war eine ekstatische Genuss-Übung. Später habe ich diese sehr einprägsame Mahlzeit aber aus den Augen verloren. Nun aber sind die Beutel-Ravioli aus und ich schiebe zum Regal für Fertiggerichte in Dosen.
Natürlich gibt es kein Ravioli mehr. Strenggenommen auch so gut wie nichts anderes, weswegen ich die beiden letzten Dosen Mulligatawny-Suppe in den Wagen lege. Ich gehe im Kopf meine Optionen durch. Wahrscheinlich wird mein Sohn mich mit den Dosen steinigen, es sei denn, ich kann die komische Curry-Suppe etwas aufpeppen. Mit sehr viel Reis würde daraus vielleicht ein annehmbares Hühnerfrikassee. Jedenfalls, wenn ich Reis hätte. Reis ist aber natürlich ausverkauft. Egal. Dann mache ich eben Polenta dazu, das habe ich noch. Oder Blaukraut mit Apfelstücken. Oder Tortenguss. Steht alles zuhause im Regal. Es tut Nick sehr gut, wenn er auch mal eine Phase der Entbehrung erleben muss. Oder es gibt heute Abend einfach sechs Kilo Duplo. Das kauft gerade kein Mensch. Aus irgendeinem mir nicht plausiblen Grund sind Süßigkeiten gerade nicht im Focus meiner Landsleute. Und das, wo bald Ostern ist. Aber dafür haben die Deutschen wohl im Moment keine Antenne.