Jan Weiler: Autor, Kolumnist, Schmutzschleuse … Impressum
Mein Leben als Mensch — Verfasst am 30.03.2020

676_Spiel des Lebens

Erste Anzeichen von Lagerkoller machen sich bemerkbar. Gestern habe ich nach einer verheerenden Niederlage das gesamte „Risiko“-Spiel vom Esstisch gefegt und verkündet, ich werde nie wieder gegen Nick antreten. Er hatte mit seiner aggressiven Expansionsstrategie binnen kürzester Zeit Europa und Asien eingenommen und meine Armeen regelrecht pulverisiert.
Ich war selber schuld. Tagelang hatte ich ihn bearbeitet, weil mir so langweilig war, während er ja immer noch seine Playstation hatte. Schließlich überzeugte ich ihn vom lange verloren geglaubten Reiz diverser Brettspiele und wir begannen mit Backgammon. Nach der ungefähr 300. Partie änderten wir die Regeln und man durfte fortan auch rückwärts gehen, was den Spielverlauf nicht nur verkomplizierte, sondern auch unendlich in die Länge zog.
Wir stiegen dann auf Malefiz um und änderten auch hier die Regeln. Man durfte sich dann im Rahmen eines Würfelduells gegenseitig erschießen. Nicks Anregung, der Verlierer müsse die Blockadesteine verspeisen, konnte ich erst abwehren. Aber dann ersetzte er die weißen Hindernisse durch Gummibärchen und verlor absichtlich, um sämtliche Blockaden aufzuessen, was meinen Triumph erheblich schmälerte.
Es macht nicht viel Spaß, gegen Nick zu gewinnen, zumal er Spiel und Gegner mit unlauteren Mitteln torpediert. Beim Mikado simuliert er in unserer Wohnung auftretende Erdbeben und bei den Siedlern von Catan bringt er mich an den Rand des Wahnsinns, indem er stundenlang Lieder von „Enya“ zum Besten gibt. Und dann eben Risiko. Ich mag das Spiel eigentlich, aber es fördert die schlechtesten Eigenschaften der Mitspieler zutage. Im Falle meines Sohnes unstillbaren Blutdurst und rücksichtsloses Außerkraftsetzen der Genfer Konventionen.
Nachdem ich verloren hatte und Nick mich zum Kriegsgefangenen auf Lebenszeit erklärt hatte, unternahm ich einen Spaziergang und erwarb eine Portion Pommes mit Mayo, weil das Geldausgeben in diesen Zeiten so furchtbar schwer geworden ist. Sonst hätte ich mir einen Anzug von Tom Ford gekauft, aber das geht ja gerade nicht. Also ersatzweise Pommes.
Ich lief die Straße entlang und begegnete zwei Polizisten. Der eine stellte sich mir in den Weg und sagte: „Das geht nicht.“ Ich schluckte eine Pommes runter und fragte: „Was geht nicht?“ „Sie dürfen hier nicht essen,“ sagte der andere. „Der Verzehr von Lebensmitteln in der Öffentlichkeit ist untersagt“ fügte er hinzu. Solche Ansagen machen mich ja erst einmal bockig. „Warum?“ fragte ich und der erste Polizist wies mich darauf hin, dass wir gerade mit einer Corona-Pandemie leben müssten und da hätten sich alle Mitbürger an Regeln zu halten. „Und eine Regel besagt, dass ich jetzt keine Pommes mehr essen darf,“ sagte ich. „Jedenfalls nicht in der Öffentlichkeit,“ sagte der zweite Polizist.
Ich fragte ihn dann, ob man den Obdachlosen jetzt eventuell Wohnungen zur Verfügung stellen würde, damit sie nicht mehr draußen essen müssten. Die Polizisten antworteten, dass ich keine Lebensmittel n der Öffentlichkeit verzehren dürfe, was ich eine langweilige Antwort fand. Ich fragte, was denn mit Eis sei. Ob man dann auch kein Eis mehr essen dürfe. Der erste Polizist sagte, Eis sei eine Ausnahme, denn das würde warm, bevor man zuhause sei. „Ja. Und meine Pommes sind kalt, bevor ich zuhause bin.“ Die Staatsmacht zeigte sich humorlos und wies mich an, die Pommes entweder wegzuschmeißen oder nach Hause zu bringen. Ich entschied mich für letzteres und trug die Schale wie ein Tabernakel vor mir her. Nach hundert Metern sah ich mich um und die Polizisten waren weg. Ich nahm eine Pommes. Dann noch eine. Als ich zuhause ankam, waren alle weg. Und ich fühlte mich wie ein Rebell. Ich denke, ich fordere Nick zu einer Revanche heraus.