Jan Weiler: Autor, Kolumnist, Yeti … Impressum
Mein Leben als Mensch — Verfasst am 13.04.2020

677_Chili con Corona

Stand gerade eben gehöre ich in den recht exklusiven Kreis von genau 36081 Deutschen, die von Covid-19 genesen sind. Ich könnte also jetzt runter in den Rossmann gehen, dort mit ausgebreiteten Armen herumlaufen und rufen: „Küsst mich, es kann Euch nichts passieren.“ Aber abgesehen davon, dass solche großzügigen Angebote auch in krisenlosen Zeiten meistens auf wenig Gegenliebe treffen, darf ich es nicht, weil ich noch unter Quarantäne stehe. Ich kann erst nach Ostern wieder zum Rossmann und bis dahin ist mein kommunikativer Ehrgeiz in der Angelegenheit wahrscheinlich erloschen.
Ich war zweieinhalb Wochen raus aus Allem und kaum, dass man wieder die Zeitung liest, hat sich die Welt verändert und alle gehen pleite. Darüber muss man nachdenken. Das kann mich ja auch treffen. Was soll ich machen, wenn zukünftig niemand mehr lesen will? Ich glaube, ich bemühe mich beizeiten um einen einfachen und gutbezahlten Job. Ich könnte zum Beispiel irgendwen repräsentieren. So wie Claudio Pizarro, der nach dem Karriere-Ende Markenbotschafter des FC Bayern wird. Das kann ja nicht so schwer sein. Das kann ich auch.
Wenn die Kohle stimmt, stehe ich gerne in Teilzeit zur Verfügung als Markenbotschafter für Hersteller von Autoreifen, Müsli, Klebebindungen oder die CDU. Denen ist nämlich gerade ein wichtiger Markenbotschafter abhandengekommen. Als ich ins Bett musste, war Friedrich Merz jedenfalls noch da und donnerte ostereierköpfig durch die Tagesthemen. Und kaum macht man einen halben Monat den Fernseher nicht an, ist er verschwunden. Einfach weg. Wahrscheinlich wurde er von einem riesigen sauerländischen Osterhasen verspeist.
Apropos Ostern. Darauf war ich natürlich dieses Jahr nicht vorbereitet. Ich fragte Nick, ob er besondere Wünsche habe und er verneinte. Wenn er nicht rauskönne, sei Ostern für ihn gestorben. Er steht ja ebenfalls unter Quarantäne. Das macht ihm ansonsten wenig aus, da er seine Playstation ohnehin selten mit auf die Straße nimmt. Aber für kleinere Kinder in der Stadt ist das Drinbleibenmüssen am Ostersonntag natürlich Folter. Deshalb dürfen sie mit ihren Eltern im öffentlichen Raum Ostereier suchen. Eine gewisse Frau Strack, Referentin des sächsischen Sozialministeriums findet das unproblematisch, jedenfalls, „wenn im Park sichergestellt werden kann, dass die Suche in Bewegung stattfindet.“ So steht es in der Leipziger Volkszeitung.
Nick legt also dieses Jahr keinen Wert auf Ostern, regte aber an, gemeinsam Eierlikör herzustellen und sich damit zu betrinken. Leider weiß ich nicht mehr, wie das geht. Also das Herstellen. Das Betrinken schon. In den achtziger Jahren war selbstgemachter Eierlikör ein beliebtes Mitbringsel. Die Mädchen aus meiner Klasse stellten es unter Zuhilfenahme von Alkohol aus der Apotheke her und es schmeckte wie Entwurmungsmittel mit Vanille-Aroma. Dann meckerte Nick darüber, dass nichts im Haus sei und ich beschloss, Online bei REWE einzukaufen. Eineinhalb Stunden lang sortierte ich Produkte in einen virtuellen Warenkorb, begab mich an die Kasse und registrierte mich als Neukunde, um dann festzustellen, dass der nächste freie Liefertermin der Firma REWE im November liegt. 2022. Wir werden also über Ostern Chili Con Carne aus der Dose essen, danach ein paar Ringe gezuckerte Ananas und einen Staubsaugerbeutel.
Und dann mache ich mir Gedanken, was in Zukunft aus mir wird. Dabei haben es andere Zeitgenossen sicher schwerer. Nadja Abd el Farrag zum Beispiel. Sie wurde dadurch berühmt, dass sie mal mit Dieter Bohlen zusammen war, was schicksalstechnisch jede Corona-Erkrankung locker in den Schatten stellt. Danach probierte sie allerhand aus und im Moment absolviert sie eine Ausbildung zur Wellnessmasseurin. Leider muss sie dort wegen der aktuellen Pandemie zwangspausieren und verkauft ein paar Möbel. Zu haben sind unter anderem eine mundgeblasene Lampe, ein Holzelefant und ein Barockstuhl. Die Abendzeitung berichtet in diesem Zusammenhang, dass Frau Abd el Farrag gerade einen zu großen Hoffnungen berechtigenden Deal abgeschlossen hat, der mich ein bisschen neidisch macht. Die Zeitung schreibt, sie soll „das neue Gesicht eines Tortenbodenherstellers werden“.