Jan Weiler: Autor, Kolumnist, Aufschneider … Impressum
Mein Leben als Mensch — Verfasst am 20.04.2020

678_Eingesperrt und eifersüchtig

Ein dringendes Anliegen meinerseits besteht darin, meinen Sohn umzubringen. Nicht real natürlich. Aber virtuell. Ich stelle mir vor, dass ich heimlich Zugriff habe auf das Spiel, dass er gerade ununterbrochen mit seinen Freunden zockt. Sie nehmen darin Aufträge an und stürmen dann Häuser oder verlassene Einkaufsmalls und knallen jeden ab, der sich ihnen in den Weg stellt. Furchtbar. Und vor allen Dingen auch sehr zeitintensiv. Man hat überhaupt keine Muße mehr für Aufgaben in Mathe oder Englisch, geschweige denn für Gespräche oder sogar Aktivitäten mit seinem Vater.
Man könnte auch sagen, ich langweile mich gerade zu Tode und möchte nicht dauernd alleine im Wohnzimmer rumhocken. Ich gebe es zu: Im Grunde bin ich eifersüchtig auf Nicks Playstation. Sie bekommt, was ich mir wünsche, nämlich seine Aufmerksamkeit. Wenn wir uns im Rahmen unserer gemeinsamen Quarantäne zufällig in der Küche treffen, sagt er Sätze wie: „Du könntest Dich rasieren, Alter.“ Oder: „Na, Zombie?“ Ich frage ihn dann, ob wir eventuell gemeinsam Netflix gucken wollen oder einfach mal über interessante Dinge reden möchten. Fondssparen zum Beispiel. Oder Sonderangebote. Oder Politik, ganz allgemein. Er sieht mich an wie eine Schürfwunde und geht zurück in sein Zimmer, ballern und chatten.
Und da habe ich mir überlegt, dass es mir gefallen würde, wenn ich im Wohnzimmer auf dem Fernseher sein Spiel hätte und einen Controller in den Händen. Ich würde mich dann im Spiel verstecken und ihn jedes Mal aus sicherer Deckung über den Haufen ballern. So lange, bis er keine Lust mehr hat. Ich stelle mir vor, dass ich ihn dann in der Küche treffe und beiläufig frage, wie es so läuft und er antwortet: „Vater, lass uns einen langen Spaziergang machen. Ich benötige Unterweisung in so vielen Dingen des Lebens und außerdem kann mir die Playstation niemals geben, was mir eine intakte Vater-Sohn-Beziehung gibt.“
Leider muss ich befürchten, dass es dazu erst einmal nicht kommt, denn nachdem er sich von dem Ballerspiel zurückgezogen hat, wendet er sich anderen Vergnügungen zu und ich muss erneut vom Wohnzimmer aus eingreifen. Wann immer er also in seinem Rennwagen auf die Piste geht, wird er von mir abgedrängt und stürzt in eine Schlucht. Ich eliminiere ihn bei Weltraumkämpfen, am Golf-Simulator und als dunkle hinterhältige Macht in Fortnite. Solange, bis er die Playstation satt hat. So würde mir das jedenfalls gefallen. Aber wahrscheinlich würde das für ihn immer noch nicht bedeuten, dass er sich dann meiner liebevollen Gestalt zuwendet. Denn es gibt ja noch die sozialen Netzwerke.
Mir bleibt also nichts anderes übrig, als sämtliche seiner Aktivitäten zu disliken, blöde Kommentare zu allem abzugeben, was er so mitteilt, bis ich überall gesperrt bin oder er keinen Bock mehr hat auf TikTok, Insta, Snapchat, Whattsapp und Facebook, wo er aber sowieso nicht abhängt, denn Facebook ist nur für alte Leute wie mich. Außerdem manipuliere ich sein Youtube-Konto, damit er nur Rockmusik aus den siebziger Jahren angeboten bekommt. Die Kanäle, die er abonniert hat, sind allesamt verschwunden.
Nach ungefähr einer Woche sollte es mir gelungen sein, ihn von Monitoren jeder Art und Größe zu vergrämen. Man sollte annehmen, dass dann meine Stunde schlägt, dass wir alsbald kochend und scherzend in der Küche stehen und ich ihm endlich noch einmal meine Erinnerungen an die Maueröffnung und an meinen Zivildienst nahebringen kann. Wie ich damals bei Frau Schuster das Treppenhaus geputzt habe. Wahnsinns-Geschichte.
Aber dann klingelt es und Ferdinand steht vor der Tür. Eigentlich dürfe hier niemand rein, zetere ich von hinten. Aber Ferdi hat einen Schein dabei. Er hatte das Virus schon und ist safe, wie mein Sohn erklärt. Bei Ferdinand handelt es sich um einen recht schlichten Kumpel. Bis letzte Woche hat er sich die Unterhose über den Kopf ausgezogen. Glaube ich jedenfalls. Gut. Ja ich bin eifersüchtig, ich gebe es ja zu. In Wahrheit ist das ein netter Kerl. Aber ich will mit Nick in seinem Zimmer sitzen und qurantänisieren. Und dann geschieht ein Wunder. Am Ende koche ich für Drei und als das Essen fertig ist, sitzen wir lange gemeinsam am Tisch und haben Spaß. Auf Playstation haben die zwei irgendwie keine Lust.