Jan Weiler: Autor, Kolumnist, EU-Kommissar … Impressum
Mein Leben als Mensch — Verfasst am 05.05.2020

680_Übersinnliche Ausschweifung

Schwager Jürgen ist ein glühender Esoteriker, offen für jede Form übersinnlicher Wahrnehmung. Seine Spiritualität überwindet alle Grenzen, auch jene der Vernunft. Er spielt Didgeridoo, gibt Tantra-Unterricht, lässt Steinchen ins Mineralwasser plumpsen und bespricht die Warzen fremder Menschen, die dann wieder weggehen. Also die Menschen, die Warzen bleiben natürlich. Und nun hat Jürgen es sich zur Aufgabe gemacht, seinen kompletten Bekanntenkreis mit der Wahrheit über die Herkunft und die richtige Behandlung des Corona-Virus in Kenntnis zu setzen.
Normalerweise gehe ich nicht dran, wenn er anruft, aber ich habe gerade sonst nichts vor. Jürgen begrüßt mich wie immer mit dem Hinweis, dass mein Wurzel-Chakra offenbar außer Kontrolle geraten sei. Dann geht es los. Corona. Er wisse, was da los sei. Aus Erfahrung stelle ich mich auf ein längeres Gespräch ein. Wenn Jürgen etwas erläutert, tut man gut daran, sich eine kleine Hausarbeit zu besorgen, um die Zeit sinnvoll zu nutzen. Ich suche nach einer alten Zahnbürste und reinige die Abgabeeinheit meiner Espressomaschine.
Jürgen beginnt seine Ausführungen damit, dass diese Phase der allgemeinen Entschleunigung gut dafür geeignet sei, tief in sein Inneres zu blicken. Man könne sich nun darauf besinnen, was wirklich wichtig sei und seine Wünsche und Bedürfnisse justieren. Bis hierhin kann ich folgen. Dann verkündet er, dass praktisch niemand wisse, was es mit dem Corona-Dings tatsächlich auf sich habe. Auch da würde ich zustimmen. Die Frau in der Metzgerei gegenüber ist übrigens für mich bisher die Person, die am allerwenigsten davon kapiert hat. Neulich unterhielt ich mich mit ihr und sie sagte beharrlich „Carola-Virus“ dazu.
Jürgen ignoriert meine Zwischenbemerkung und sagt im Verschwörerton, dass die meisten Menschen ja tatsächlich davon ausgingen, dass das Virus von 5G-Funkmasten verbreitet würde. Das sei aber völlig falsch. „Ach, das stimmt gar nicht?“ frage ich leutselig und schrubbe den Siebträger. „Nein, das ist gelogen,“ sagt er. Und auch die Behandlung von Covid-19 werde falsch angegangen. Es sei keineswegs so, dass kolloidales Silber helfe.
„Kollowas?“ frage ich. Jürgen erklärt mir, dass er kolloidales Silber selber ausprobiert habe. „Warst Du denn krank?“ frage ich ihn. „Das nicht, aber wenn man das trinkt, muss man ja irgendwas bemerken.“ Da muss ich ihm Recht geben.
„Und jetzt willst Du sicher wissen, was hier in Wahrheit los ist,“ sagt Jürgen und ihm zuliebe behaupte ich, dass ich es unbedingt wissen müsse. Und er sagt: „Die Bienen. Sie waren unsere Beschützer. Aber sie haben die Erde verlassen. Jetzt sind wir vor kosmischen Einflüssen nicht mehr sicher.“ Das Virus kommt also aus dem Weltraum. Aha. „Und mit den Bienen ist auch der Statthalter ihres Heimatplaneten gegangen.“ Die Kaffeemaschine ist inzwischen blitzblank. „Aha. Und wer ist das?“ frage ich. „Kim Jong Un,“ sagt Jürgen. Er sei abgereist und mit ihm die Bienen. Es sei aus. Aber man könne die Krankheit behandeln. Er selbst habe einen Schutz entdeckt. Masken aus einem Material, dass das Virus zuverlässig abwehre. Ich frage natürlich, woraus seine Maske ist und dann lässt er die Bombe platzen: „Pumpernickel.“ Ich fasse zusammen: Das Virus kommt aus dem All. Die Bienen haben uns davor beschützt. Nun sind sie mit ihrem Gebieter Kim Jong Un heimgekehrt. Wir sind verloren, außer wir tragen Masken aus Pumpernickel. Jürgen sagt, er habe jetzt keine Zeit mehr für mich. Er habe noch viele Telefonate zu führen.
Später denke ich, dass er wahrscheinlich Unrecht hat. Doch eines stimmt: Wir sollten uns in diesen Zeiten auf uns besinnen und in innerer Einkehr darüber nachdenken, worin unsere Bedürfnisse bestehen. Ich habe drei: Erstens habe ich in mir den dringenden Wunsch nach einem Friseurtermin. Mein Kopf sieht aus wie der eines rumänischen Nachrichtensprechers 1976. Zweitens habe ich das Bedürfnis nach Ausschweifung. Gerne draußen mit vielen Menschen. Und drittens hätte ich gerne den Nokia-Walzer als Klingelton für mein iPhone. Das würde mir gefallen. Man sitzt im Biergarten, es klingelt und alle drehen sich um und denken: Nanu? Nokia? 2020? Aber dafür müsste erst mal ein Biergarten geöffnet haben.