Jan Weiler: Autor, Kolumnist, Pubertierhalter … Impressum
Mein Leben als Mensch — Verfasst am 12.05.2020

681_Das-Joghurt-Paradox

Man wurschtelt in diesen Zeiten viel zuhause vor sich hin und kann sich Überlegungen widmen, die man noch nie oder viel zu selten angestellt hat. Zum Beispiel habe ich intensiv über ein Phänomen nachgedacht, dass mir jedes Mal begegnet, wenn ich den Kühlschrank öffne. Darin steht nämlich ein Joghurt, der bereits Anfang März abgelaufen ist und den ich seitdem tapfer aufbewahre. Und da stellt sich die Frage: Warum? Wofür? Antwort: Es könnte ja sein, dass er noch gut ist.
In dieser Lage bieten sich drei Handlungsmöglichkeiten an. Nummer eins: Man öffnet den Becher und probiert. Nummer zwei: Man wirft ihn einfach ungeöffnet in den Müll. Nummer drei: Man lässt ihn im Kühlschrank stehen und wartet erst einmal ab, wie sich die Sache weiter entwickelt. Komischerweise entscheide ich mich seit Wochen für Variante drei, obwohl der Joghurt sicher nicht besser wird. Das Risiko steigt, dass er verdirbt. Und aus lauter Angst davor öffne ich ihn nicht. Lieber beschäftige ich mich in diesen stillen Tagen mit wirklich wichtigen Themen. Zum Beispiel mit der Übersetzung meines Namens in fremde Sprachen.
Auf die Idee bin ich in den über fünfzig Jahren meines Lebens nie gekommen. Bis jetzt. Und da ist mir bisher wirklich etwas entgangen, denn in anderen Ländern würde mein Name entschieden mehr hermachen als hier. Auf Englisch heiße ich zum Beispiel John Hamlet. Auf russisch bin ich Iwan Derevushka. In Spanien würde ich Juan Aldea heißen, in Frankreich Jean Hameau und auf italienisch bin ich Gianni Borgo. Und diesen sagenhaften Befund habe ich nur dank der segensreichen Corona-Langeweile ermitteln können.
Das Ganze erinnert an ein Party-Spiel, von dem der Schauspieler Burt Reynolds einmal in einem Interview berichtete. Dabei geht es um eine heitere Methode, einen knalligen Künstlernamen zu erfinden, falls man eine Karriere im Porno-Business anstrebt. Man kombiniert dafür den Namen des ersten Haustiers, das man besessen hat mit jenem der Straße, in der man aufgewachsen ist. In meinem Falle kommt dabei Puntek Haydn heraus. In meinem Bekanntenkreis gibt es auch Putzi Krupp, Jacky Rosen und Tiffy Habsburger.
Burt Reynolds ist ja auch schon tot. Auch schon. In dieser Formulierung schwingt immer eine gewisse Sentimentalität und Todesangst mit. Meine Großmutter sagte diesen Satz häufiger, meistens verbunden mit einem Seufzen. Paul Hubschmid. Auch schon tot. Hans Rosenthal. Achja. Brigitte Mira. Tjaha. Ähnlich rührend fand ich immer, wenn sie sagte: „Der Walter Scheel, auch schon Neunzig.“ Oder: „Die Nana Mouskouri. Auch schon Achtzig.“ Jetzt letzte Woche: Die Barbara Salesch, auch schon siebzig. Im Gegensatz zu Frau Mouskouri und Herrn Scheel ist die frühere TV-Richterin Barbara Salesch meinen Kindern ein Begriff, weil sie in einem Lied von Deichkind vorkommt. Genau wie Katja Ebstein. Auch schon 75.
Damit kann man sich sehr ausführlich beschäftigen, wenn man kaum rausgeht. Das mache ich ungern, denn ich hasse die doofe Maske und vergesse sie andauernd, was einen zum Aussätzigen macht. In der Bäckerei wurde ich kürzlich tatsächlich nicht bedient. Meine wahre Behauptung, ich habe das Virus bereits gehabt und quasi in Drachenblut gebadet, beeindruckte die Bäckereifrau kein bisschen.
Meine Kinder nennen die Maske übrigens „Söderlappen“. Wenn ich ihn trage, erkennt das iPhone mein Gesicht nicht und daher muss ich den Code zum Entsperren des Bildschirms händisch eingeben, was ich nicht kann, weil ich ihn vergessen habe. Heute Morgen saß ich im Bus und schob die Maske nach unten, um mein Handy heimlich per Gesicht zu entsperren, worauf eine Dame mich anschrie, ob ich sie umbringen wolle. Sie sah ein bisschen aus wie Barbara Rütting. Die ist ja auch schon tot.
Ich fuhr dann nach Hause, riss in einer Art Übersprungshandlung den Kühlschrank auf, nahm einen Joghurt heraus und schlang ihn herunter. Hinterher stellte ich fest, dass es der abgelaufene war. Schade. Er schmeckte fabelhaft und er hätte sicher noch ein Weilchen gehalten, wenn ich nur besser aufgepasst hätte.