Jan Weiler: Autor, Kolumnist, Babbo … Impressum
Mein Leben als Mensch — Verfasst am 18.05.2020

682_Halber Hubert, ganzes Hendl

Wenn man streng sein möchte, dann ist Markus Söder schuld. Der Ministerpräsident von Bayern. Wenn der sich nämlich mal etwas früher angestrengt hätte mit seiner Charme-Offensive gegenüber dem Wahlvolk, dann wäre er zu Zeiten der Landtagswahl in Bayern vor zwei Jahren beliebter gewesen. Dann hätte er vielleicht sogar die absolute Mehrheit geholt. Und dann hätte er die Freien Wähler zur Regierungsbildung nicht gebraucht und uns wäre dann Hubert Aiwanger erspart geblieben.
„Hubert wer?“ fragen sich jetzt nicht wenige Leserinnen und Leser, denn außerhalb Bayerns ist Aiwanger auf eine beruhigende Art und Weise unbedeutend, in Bayern hingegen bekleidet er das Amt des Wirtschaftsministers. Und falls Söder einmal auf Nimmerwiedersehen in der Partnachklamm oder in Berlin verschwindet, wird Aiwanger sogar Ministerpräsident.
Aiwanger ist Bauer und hat mit Kultur von Haus aus wenig zu tun oder nur ganz selten mal. Man kann sagen: Menschen wie Hubsi Aiwanger haben überhaupt nur dann eine Begegnung mit der Kultur, wenn ihnen zum Beispiel ein Klavier auf den Kopf fällt. Und weil er das nicht einmal bemerken würde, tut er sich leicht damit, die Künstlerinnen und Künstler in Bayern mitsamt ihrer Arbeit zu beleidigen und zu entwerten. Nachdem sein Chef ankündigte, die Kulturschaffenden für ein Vierteljahr mit monatlich 1000 Euro zu unterstützen, kommentierte dies Aiwanger laut der Mainpost mit den Worten: „Schauen wir mal, ob die Künstler am Ende nicht doch sagen: Da gehe ich lieber aufs Amt, da krieg‘ ich mehr Geld.“
Als wollten ein Tänzer oder eine Kabarettistin als Sozialfälle behandelt werden, weil ihre Gagen ausbleiben. Als ginge es ihnen bloß darum, möglichst viel vom Staat abzuholen. So kann nur jemand denken, dem die Kunst einfach wurscht ist. Man muss Bauer Aiwanger an dieser Stelle aber zu Gute halten, dass er mit dieser herzlosen Haltung nicht alleine dasteht. Der gesellschaftliche Konsens geht schon seit Jahren in diese Richtung, was auch mit dem Gratiskonzept des Internets zu tun hat. Warum soll man Künstler finanziell unterstützen, wenn deren Arbeit im Internet ohnehin für umme zu haben ist. Nur: Youtube-Fitzel sind nicht Kultur, sondern Kultur-Verwertung, eigentlich ist das kultureller Stillstand, bestenfalls Bestandsaufnahme, auch bei Spotify oder den anderen Quasi-Umsonst-Zapfsäulen für Unterhaltungsangebote. Da gibt es nichts, was gerade erst wird. Und es entsteht auch nichts mehr, wenn niemand die Künstler unterstützt. Das kapiert Aiwanger aber nicht.
Lieber äußert er sich über Hilfen für die Gastrobranche, oder Braaasch, wie er es nennt. Seine Formulierungen sind rhetorische Qualzucht, aber kürzlich ist ihm versehentlich ein Kunststück unterlaufen. Da hat er einen einfachen Gedanken derart kompliziert ausgedrückt, dass ihm beinahe ein dadaistisches Gedicht gelungen ist. Er sagte also, dialektbereinigt wörtlich folgendes: „Die Versicherungen sind auf die Gastrobranche schon zugegangen, zahlen jetzt schon. Also die haben jetzt schon das halbe Hendl bratfertig am Tisch. Eine Alternative wäre gewesen, wenn ich mich zurücklehne, dass ich sag, da läuft das Hendl irgendwo hinten im Garten rum: Fang dir‘s ein, dann hast du ein ganzes Hendl. Du brauchst aber den Rechtsanwalt dazu. Ich garantier dir nicht, dass du das ganze Hendl jemals sehen wirst. Viele Wirte werden jetzt das halbe Hendl bratfertig am Tisch nehmen, weil sie sagen, das habe ich dann sofort und laufe nicht einem Hendl hinterher, das vielleicht andere Bundesländer ihren Wirten empfehlen.“
Vielleicht müsste man ihm auch 1000 Euro monatlich zahlen, damit er der Comedy-Szene dauerhaft erhalten bleibt. Aber die würden ja woanders fehlen, bei Menschen, die ihren Beruf ernster nehmen als Hubert Aiwanger.
Eigentlich müssten alle Künstler jetzt streiken und den Aiwangers dieser Welt zeigen, wie die Welt aussähe ohne Kunst. Leider geht das nicht, denn Künstler können gar nicht streiken. Der Beruf ist sozusagen nicht bestreikbar. Künstlerinnen und Künstler sind ja keine Dienstleister. Aber sie müssen trotzdem von etwas leben. Und wenn es ein halbes Hendl ist.