Jan Weiler: Autor, Kolumnist, Babbo … Impressum
Mein Leben als Mensch — Verfasst am 25.05.2020

683_Kinder bei Tinder

Es gibt zwei sehr unterschiedliche Definitionen von Nicks und meiner Lebenssituation. Ich wohne nun seit einiger Zeit mit meinem Sohn, während unsere Tochter Carla bis vor kurzem bei Sara lebte. Zwei Wohnungen, eine für die Männer und eine für die Frauen. Ich bezeichne unsere Bude immer als Männer-WG. Wenn jedoch Sara oder Carla bei uns zu Besuch sind, sagen sie dazu in unfassbarer Herablassung „Männer-Wohnheim“. Das finde ich frech.
Eine Männer-WG ist nämlich ein romantischer Ort, wo Gleichgesinnte Nudeln kochen und sich heiser lachend Geschichten erzählen. Ein Männerwohnheim hingegen riecht nach Einsamkeit, man hockt auf der Bettkante und es hängen Socken auf der Heizung. Krasser können Gegensätze nicht sein. Gut, zugegeben, Nick und ich hegen keine Grünpflanzen und keine Katzen, um unser Dasein mit zusätzlichem Leben zu schmücken. Aber: Katzen und Pflanzen wohnen ja schon bei Sara. Und man muss wirklich nicht alles doppelt haben. Dafür ist die Getränkeauswahl im Frauenlager sehr dürftig, geradezu bestürzend langweilig. Während Nick und ich jederzeit zwischen Spezi, Bier, Wein und diversen Schorlen auswählen können, gibt‘s bei den Frauen Wasser. Und stilles Wasser. Und Leitungswasser. Und Wasser sowie gesprudeltes Wasser. Und Tee. Auf Wasserbasis.
Die Behauptung, Nick und ich bevölkerten ein deprimierendes Männerwohnheim, ist jedenfalls völlig unzutreffend. Besonders Nick hat gerade viel Freude. Er steht kurz vor der Volljährigkeit und beschäftigt sich vor allem mit Tinder. Früher hat man Panini-Bildchen gesammelt, heute sammelt man Tinder-Fotos. Es fehlt nur noch, dass man untereinander Tinder-Likes tauschen kann. Nick tindert ähnlich hemmungslos wie der amerikanische Präsident twittert, indem er vor allem Fake News über sich verbreitet. Er erhält dafür von den jungen Damen viel Zuspruch und ist dauernd verabredet, weil schließlich jede Frau einen kommenden e-Sports-Weltmeister kennenlernen will.
Dass er es mit der Wahrheit nicht ganz genau nimmt, stört ihn selbst kein bisschen. Neulich traf er sich mit einem Mädchen, dem er vorgegaukelt hatte, bereits volljährig zu sein. Sie war es und sie besaß auch einen Führerschein. Nach dem zweiten Treffen musste er einräumen, dass er erst siebzehn ist. Vielleicht hätte ihm die Wahrheit geholfen, so aber verschwand sie auf der Stelle aus seinem Leben. Auf meine Frage, ob ihn das kränke, zeigte er das Display seines Handys, wischte darauf herum und sagte: „Ach was. Ich habe noch die hier, und die, und die auch. Und die hier.“ Das klang wie: „Ich brauche das Darth-Vader-Bildchen gar nicht. Ich habe Luke, Han Solo, R2D2 habe ich doppelt und den Millenium-Falken komplett.“
Er erläuterte mir dies beim Abendessen. Für mich sind diese Termine zunehmend anstrengend, weil ich häufiger von Nick gemaßregelt werde. Früher war ich es, der ihm pro Mahlzeit 63 Mal sagte, er solle die Ellbogen vom Tisch nehmen. Nun werde ich gegängelt. Und zwar, weil ich manchmal heißes Essen anpuste. Mein WG-Genosse hasst das. Wenn ich es trotzdem mache, sagt er: „Papa, Du bist kein Laubbläser. Danke.“ Er schimpft, das ginge auch leise. Manchmal vergesse ich es aber und werde krass angerüffelt.
Nicks Mobiltelefon stellt die Schaltzentrale seines Liebeslebens dar und entsprechend oft muss er nachsehen, ob sich etwas tut. Dabei störte ihn zuletzt extrem, dass er für die Entsperrung des Gerätes andauernd die Maske abnehmen musste, weil die Gesichtserkennung ihn nicht mehr identifizierte. Also installierte er diese erneut, aber mit Maske. Das funktionierte sogar, führte aber mittelfristig dazu, dass er auch zuhause ständig die Mund-Nasen-Maske trug, was ich besonders beim Abendessen etwas umständlich fand. Er hob sie an, um eine Gabel Risotto aufzunehmen. Dann entsperrte er sein Handy, wischte darauf herum und hob dann wieder die Maske, um zu essen. Ich sparte mir Anmerkungen, weil ich viel zu fasziniert war vom stumpfen Pragmatismus meines Sohnes.
Dann kamen Sara und Carla. Eine halbe Stunde zu spät, weswegen wir mit dem Essen schon begonnen hatten. Wir aßen Risotto, ich pustete über meine Gabel und meine Tochter sagte: „Ach, das ist so ein schönes Papa-Geräusch.“ Wenn sie will, kann sie gerne bei mir einziehen.