Jan Weiler: Autor, Kolumnist, Sekundenkleber … Impressum
Mein Leben als Mensch — Verfasst am 01.06.2020

684_Duftende Schufte

Hurra, die Neunziger sind wieder da. Jedenfalls bei uns zuhause, beziehungsweise auf der Haut meines Sohnes. Das kam, weil ich ausmistete und ihm die Parfümproben schenkte, die sich über die Jahre bei mir angesammelt haben. Er betrachtete die kleinen Flacons und Ampullen mit archäologischem Interesse und tröpfelte uralte Proben von „Aramis“ und „Cool Water“ auf seinen Unterarm. Zunächst schien er wenig begeistert von seinen Ausgrabungen. Aber eine Stunde später platzte er dampfend vor Aufregung in mein Büro und erklärte mir, dass er dringend Geld brauche, denn er habe soeben den Duft seines Lebens entdeckt.
Fraglos ein großer Moment im Leben eines Mannes, dachte ich und dann roch ich es auch schon, was mich zunächst allerdings überraschte. Die Covid-19-Erkrankung im März hat nämlich meinen Geruchssinn ausgelöscht. Das hat im Alltag durchaus Vorteile. Zum Beispiel macht es mir nichts aus, wenn der Hund der Nachbarn in den Aufzug schifft. Nicks Geruch hingegen durchbrach mühelos die Rezeptoren in meiner totgeglaubten Nase. Ich schlage daher vor, dass die Bundesregierung große Mengen „Egoiste“ von Chanel einkauft und an Krankenhäuser verteilt. Es erscheint mir deutlich wirksamer als das langweilige Riechsalz.
Ich wunderte mich zwar ein wenig darüber, aber der tonnenschwere Duft regte innerhalb von Sekunden das Einkaufszentrum in Nicks Gehirn an. Er müsse das Zeug haben, rief er und appellierte an den guten Sitz meiner Spendierhosen. Aus pädagogischen Gründen und in der Hoffnung, er werde dann seine Kaufabsicht zurückstellen, erklärte ich ihm, dass er sich das Geld verdienen müsse, indem er sämtliche Fenster der Wohnung zu putzen habe. Das hatte eigentlich gar keinen Sinn, denn er hat die Fenster letzte Woche schon gewischt, um die Verlängerung seiner Playstation-Mitgliedschaft zu finanzieren.
Wir haben die saubersten Fenster von ganz München. Ich besitze auch das gepflegteste Fahrrad der Stadt und vermutlich hätte ich den am häufigsten gemähten Rasen Deutschlands, aber leider haben wir keinen Garten. Bloß einen Balkon, dessen Boden von Nick mehrmals wöchentlich gewischt wird. Für Geld macht er einfach alles. Er schlägt auch andauernd waghalsige, aber hochdotierte Wetten vor, um an Kohle von mir zu kommen. Manchmal pumpt er mich an und ich verstecke das Geld in seinem Zimmer. Um es zu finden, muss er aufräumen. Das fördert natürlich eine gewisse Bestechlichkeit. Mein Sohn ist korrupter als der in dieser Disziplin legendäre Fifa-Funktionär Jack Warner. Der wirkt neben Nick wie ein amischer Kürbisbauer.
Am liebsten würde Nick auch bei seinen Lehrern die Fenster putzen, um gute Noten zu erwirken. Dass er dies auch einfacher haben kann, indem er in der Schule mitarbeitet, stellt für ihn keine verlockende Option dar. Aber manchmal geht es nicht anders. Letzte Woche sollten sie in kleinen Gruppen ein Gemeinschaftsreferat erstellen. Nick, Carl, John und Mia trafen sich also in einer Zoom-Konferenz, um die Orga anzugehen. Sie shifteten sämtliche Ablaufpläne auf Excel, erstellten Slacks und Jams und diskutierten über Challenges und Herangehensweisen. Dabei quatschten sie nicht wild durcheinander, sondern meldeten sich jeweils im Chat, um Wortbeiträge anzukündigen. Ansonsten blieb das Mikrofon aus. Ich habe noch nie derart disziplinierte Menschen gesehen. Nachdem sie eine farbig gestaltete Mind Map mit eingebautem Time-Table gebaut und sich gegenseitig auf diese Weise auf den neuesten Stand im Workflow gebracht hatten, war ihr kreatives Pulver verschossen. Über ihr eigentliches Thema hatten sie nach drei Tagen noch gar nicht gesprochen.
Am vierten Tag kam Nick duftend und blendend organisiert in mein Büro. Ich hätte doch Ahnung von der Machtergreifung, sagte er. Und dann machten er und seine Mitstreiter mir ein Angebot. Man werde ein Jahr lang abwechselnd regelmäßig die Fenster putzen. Und bügeln. Alles. Auch Socken. Wenn ich nur dieses Gemeinschaftsreferat für sie erstellen würde. Falls es dafür eine Eins gibt, wollen sie außerdem mein Auto polieren. Ich bin ja nicht korrupt, wirklich nicht. Und die Kinder sollen ja was lernen. Andererseits: So ein Referat puste ich an einem Nachmittag raus. Kann sein, dass ich dieses duftende Angebot nicht ablehnen kann.