Jan Weiler: Autor, Kolumnist, Yeti … Impressum
Mein Leben als Mensch — Verfasst am 08.06.2020

685_Carla Calling

Momentan wird darüber diskutiert, was sich nach der Corona-Pandemie alles ändern wird. Und dabei vertrete ich die These, dass sich kaum irgendwas ändert, weil die Krise nun einmal nicht sehr viel in unserem Alltag verbessert. Zum Beispiel hieß es eine ganze Zeitlang, dass nach Corona kaum noch Geschäftsreisen absolviert würden, weil man so viel Geld sparen kann, indem man Videokonferenzen abhält. Am Anfang waren die auch noch ganz lustig, weil der Blick in die Privatsphäre des Chefs das Sozialprestige hob. Außerdem konnte man Faxen machen und den Stuhl rauf– und runterfahren. Aber der Reiz der Kommunikation über Kamera und Mikro hat dann sehr schnell nachgelassen, schon weil man nicht anschließend noch etwas trinken gehen kann.
Inzwischen ist der Ansehensverlust bei dieser Kommunikationsform nicht mehr aufzuhalten. Immer öfter schalten nämlich einzelne Teilnehmer von Videokonferenzen ihre Kameras ab und bleiben dem Treffen nurmehr als schwarze Löcher erhalten. Sie weisen auf die Störanfälligkeit ihres Netzes hin und behaupten, weiterhin zuzuhören. Aber in Wahrheit essen die Leute Müsli, putzen den Kühlschrank oder fahren mit der Familie für ein paar Tage an die Nordsee. Ich prophezeie, dass die Konferenz im Home-Office nach Corona ebenso wieder aus der Mode kommt wie der Heimarbeitsplatz selbst. Außer für mich natürlich. Ich befinde mich eigentlich immer in einer Art selbstauferlegter Quarantäne.
Manchmal mache ich einen Video-Call bei Carla. Sie ist in ihre erste eigene Wohnung gezogen und ich habe ihr beim Umzug geholfen. Seitdem konferieren wir mit Bild und ich sehe jedes Mal im Hintergrund mein Versagen. Bei ihrem Einzug ist es mir nämlich nicht gelungen, die Vorhangstange an die Wand zu bringen. Natürlich hatte ich angegeben wie eine Tüte Mücken, dass mir keine Mauer widerstehen könne. Dass ich der David Copperfield im Verschwindenlassen von Sechser-Dübeln sei. Das war etwas hochgegriffen.
Erst suchte ich eine halbe Stunde nach dem Bohrfutterschlüssel dann setzte ich zunächst einmal irrtümlich einen Holzbohrer ein. Und zu allem Unglück erwies sich die Mauer über ihrem Fenster auch noch als unzerstörbar. Ich stand auf der Leiter und drückte die Bohrmaschine in den Putz als wollte ich auf der anderen Seite wieder raus. Doch weiter als eineinhalb Zentimeter kam ich nicht. Ich schnitt also die Dübel ab, hämmerte sie in die untiefen Löcher und die Schrauben hinterher. Natürlich drehten sich die Dübel mit und ich vergrößerte die Löcher zwar ordentlich im Durchmesser, aber keineswegs in der Tiefe. Dann kaufte ich Metallbohrer, weil ich annahm, auf einen Stahlträger gestoßen zu sein.
Ich dengelte mit der Bohrmaschine in dem Loch herum bis der Metallaufsatz glühte, erreichte aber weiter gar nichts. Also stieg ich von der Leiter und gab meine Kapitulation bekannt. Ich konnte die Vorhangstange nicht aufhängen, weil ich die sechs kleinen Löcher nicht in die Wand bekam. Carla würde ihre kleine Wohnung fürs Erste nicht verdunkeln können. Es war eine Niederlage, an die ich seitdem erinnert werde, wenn ich mit Carla Videoanrufe mache. Und gestern verwandelte sich die Niederlage in ein Fiasko, in ein Armageddon väterlichen Bedeutungsverlustes.
Carla rief mich an und ich sah im Hintergrund die sechs Löcher, die ich in ihre Wand gebohrt hatte. Dann berichtete sie, dass sie einen sehr netten Nachbarn habe. Einen französischen Sportstudenten namens Yanis. In dem Moment sah ich einen eindeutig als französischen und noch eindeutiger als Sportstudenten erkennbaren jungen Mann im Hintergrund auf eine Leiter steigen. Er hatte eine riesige Bohrmaschine in der Hand. Sie sah aus wie eine Weltraumwaffe aus einem Superhelden-Film.
Während Carla weitersprach setzte der Kerl das Monstergerät an und bohrte mit kurzen aber präzisen Stößen die Löcher in die Wand, an denen ich mich eineinhalb Stunden erfolglos mit meiner kleinen Bohrmaschine abgemüht hatte. Es war ein symbolischer Akt. Ich bin jetzt nicht mehr der wichtigste Mann in Carlas Leben. Ich bin mitsamt meiner Bohrmaschine ersetzt worden. Und ich habe jetzt absolut keine Lust mehr auf Videokonferenzen.