Jan Weiler: Autor, Kolumnist, Bananenkrümmer … Impressum
Mein Leben als Mensch — Verfasst am 15.06.2020

686_Systemisches Nichtwissen

Man fragt sich schon hier und da, wie wir alle durchs Leben kommen, wo wir doch eigentlich gar nichts von der Welt verstehen, in der wir uns bewegen. Es existiert kein einziger Mensch auf diesem Planeten, der alles weiß und kann. Behaupte ich mal. Und obwohl also jeder von uns nur mehr oder weniger doof ist, kommen wir doch einigermaßen zurecht.
Es gelingt uns immerhin, Kinder in die Welt zu setzen, die Polkappen abzutauen und alle Schichten eines Dolomiti-Eises am Geschmack zu erkennen. Menschen können Dinge erfinden und manchmal äußern sie sehr kluge Gedanken. So wie der Schauspieler Josef Bierbichler in einem Video, das ich auf Facebook gesehen habe. Da spricht er über den Tod und was Menschen so passiert, wenn sie sterben. Das ist zum Teil sehr lustig. Und als man sich gerade fragt, wohin das führen soll, sagt er, dass heutzutage gar nicht mehr richtig gestorben werde. Das Leben werde eines anständigen Todes beraubt, zum Nutzen einer schamlosen Gesundheitsindustrie.
Bierbichler hat viel darüber nachgedacht, das merkt man. Und es hat ihn weit gebracht. Dafür hat er nicht den Schimmer einer Ahnung vom „Basic Input Output System“, abgekürzt BIOS. Es handelt sich dabei um die Schnittstelle zwischen Hardware und Software. Das BIOS startet den Rechner und verbindet die Komponenten des Computers miteinander. Es ist zuständig für den Selbsttest des Systems, initialisiert die Systemkomponenten und leitet den Boot-Vorgang ein. Zum Glück für Bierbichler und mich sind Menschen unter uns, die sich über das Sterben überhaupt keine und über das Basic Input Output System ganz viele Gedanken machen.
Das meiste Wissen brauchen wir gar nicht; und falls doch wieder Zweifel an der eigenen Unzulänglichkeit aufkommen, reicht ein Blick in die Natur und schon begreift man, dass einen zu viele Kenntnisse nicht unbedingt weiterbringen. Ein Löwe muss zum Beispiel überhaupt nicht wissen, wie man eine Kuh melkt. Es reicht, wenn er die Fähigkeit besitzt, die Kuh aufzuessen. Oder der Sperber. Neulich habe ich zufällig einen getroffen. Er saß auf der Brüstung meines Balkons und hielt einen toten Spatz in den Klauen. So ein Sperber jagt im Flug und ist in der Lage, Neunzig-Grad-Winkel zu fliegen. Man kann ihn kaum beobachten, weil er so irrsinnig schnell ist. Er muss zum Ausgleich damit leben, dass er trotzdem niemals Torschützenkönig der Fußball-Bundesliga werden wird.
So ähnlich gehen wir Menschen auch mit unserem täglichen Bedarf an Wissen um. Es ist völlig ausreichend, einen Führerschein zu besitzen, wenn man ein Auto fahren möchte. Man muss absolut nicht wissen, warum es fährt oder wie man es repariert. Das erledigen Leute, die KFZ-Mechaniker gelernt, aber womöglich keine Ahnung von der Zubereitung eines Blumenkohl-Risottos haben. Die Frau, die das Rezept für dieses feine Gericht ersonnen hat, kann hingegen vielleicht Costa Rica nicht fehlerfrei auf der Weltkarte lokalisieren und die meisten Costa Ricaner wissen zwar sehr wohl, wo sie auf der Erde leben, verstehen jedoch rein gar nichts von der Herstellungsweise dänischen Lakritzes.
Auf diese Weise haben alle ihren Platz auf der Welt und ich glaube, es ist der Grund dafür, dass das Zusammenleben im Großen und Ganzen funktioniert. Man ergänzt einander einfach. Dafür ist eine gewisse Toleranz vonnöten, ohne die dieses Prinzip in Zukunft nicht funktionieren wird. Wir werden nämlich immer mehr auf diesem Planeten. Wir müssen zusammenrücken und unsere Fähigkeiten austauschen, uns verbinden, gemeinsam arbeiten. Das allerunwichtigste in diesem Zusammenhang ist übrigens die Hautfarbe derjenigen, die auf der Welt herumdilettieren. Sie darf einfach gar keine Rolle mehr spielen.
Wobei meine Toleranz eine Grenze kennt. Es hagelt von mir Kopfnüsse für jede und jeden, der das neue Blödwort der Saison verwendet: Systemisch. Liest und hört man gerade überall. Gemeint ist in nahezu einhundert Prozent aller Fälle systematisch. Systemisch ist etwas anderes, klingt aber wohl gerade geiler. Dafür gibt es von mir ein paar hinter die Ohren. Hautfarbenübergreifend. Sprache ist das einzige was ich kann. Dafür weiß ich nicht, was ein Proxy ist.