Jan Weiler: Autor, Kolumnist, Textpolizist … Impressum
Mein Leben als Mensch — Verfasst am 22.06.2020

687_Die Zukunft des Fußballs

Eigentlich fände jetzt gerade in diesem Moment die Fußball-Europameisterschaft statt. Pokalfinale sowie Champion’s League wären bereits vorüber. Aufregende Stunden lägen hinter einem. Möglicherweise hätte man rauschende Fußball-Abende im Kreise von gutgelaunten Freunden verbracht, womöglich sogar in großer Öffentlichkeit. Überhaupt wäre man in diesen Wochen viel unterwegs, drängelte sich durch Festivals oder ginge jeden Abend aus in einer brodelnden, nach Leben riechenden Stadt.
Aber gerade erlebt man das alles nur in der Erinnerung. Das gilt besonders für mich, denn mein Geruchssinn ist nach diesem Covid-19-Blödsinn immer noch nicht wieder zurückgekehrt. Also sitzt man zuhause rum und schnuppert ins Leere. Es ist einfach: Nichts. Und weil nichts ist, wird die gute Stimmung eben simuliert. Zum Beispiel beim Fußball. Während der Übertragung der Geisterspiele aus der Bundesliga kann man bei Sky in der Auswahl der Tonspuren eine Original-Stadion-Atmosphäre anklicken.
Auf diese Weise erzeugt man eine sehr ulkige Ton-Bild-Schere. So nennt man es, wenn das, was man sieht und das, was man hört, überhaupt nicht zusammenpassen. Da sieht man also zum Beispiel Karlheinz Rummenigge trostlos alleine auf der Tribüne sitzen. Er hat eine Maske auf, mit der er aussieht, als hätte er eine Fünf-Minuten-Terrine im Gesicht, was schon eine gewisse Melancholie erzeugt. Aber um ihn herum tost der Sound einer vollbesetzten Allianz-Arena. Gesänge, Gestampfe, rhythmisches Klatschen. Und offenbar haben sie in der Regie jemanden, der spezielle Knöpfe drückt, wenn ein Tor fällt oder eine Chance vergeben oder ein Foul verübt wird. Man hört dann Jubel, Raunen oder Pfeifen. Das funktioniert erstaunlich gut und verleiht dem Begriff „Geisterspiel“ eine ganz neue Bedeutung. Und es ist wahrscheinlich nur die Vorstufe für weitere Entwicklungen. Falls es denen bei Sky demnächst auch noch gelingt, virtuelle Zuschauer ins Bild zu pfriemeln, kommt der Fußball völlig ohne die lästigen echten Fans aus.
Ich glaube, das würde der Fußballindustrie gut passen. Die immensen Kosten für die Ordner und den Unterhalt der riesigen Stadien würde entfallen. Man könnte die Spiele dann nämlich einfach auf einem Trainingsplatz austragen und den ganzen Rest digital ergänzen, mitsamt der Bandenwerbung, den Gewinnspielen und Wettquoten. Die Begeisterung der programmierten Fans würde auch bei langweiligen Spielen auf allerhöchsten Enthusiasmus eingestellt oder schrittweise hochgefahren, um die Dramaturgie des Matches zu unterstützen.
Dabei wären natürlich weder Pfiffe gegen die Heimmannschaft noch kritische Plakate gegen die Vereinsführung zu befürchten. Fans, die man sich selber gemacht hat, beklagen sich nie. Sie sind vorbehaltlos einverstanden mit allem, wie sich das für Fans gehört. Auch für die Spieler hätte diese Entwicklung nur Vorteile. Sie müssten nicht mehr nach dem Spiel in die Kurve laufen, um sich zu bedanken oder zu entschuldigen. Sie könnten stattdessen gleich nach dem Match duschen und nach Hause fahren.
Und wer als Fußballfreund nun denkt, das sei alles kalt und herzlos und habe keine Seele mehr, der muss sich nur mal an die vielen freudlosen Nebeneffekte regelmäßiger Stadionbesuche erinnern: Corona-Gefahr in der vollen U-Bahn. Oder mitunter jahrelanges Warten im Parkhaus. Dazu die miese Qualität der grotesk kostspieligen Stadionwurst. Das ewige Anstehen an der Toilette. Nieselregen. Kälte. Einlasskontrollen. Und das alles nur, um dann ein torloses Unentschieden zu erleiden. Nein, nein, die digitale Zukunft des Fußballs schafft eine Win-Win-Situation für Fans und Vereine.
Und ganz am Ende braucht man dafür nicht einmal echte Spieler, die sich die Lunge aus dem Hals rennen, Millionengehälter verdienen und sich dauernd am Kreuzband operieren lassen. Viel einfacher ist es, die Sportler gleich durch digitale Avatare zu ersetzen. Der FC Bayern hat in dieser Hinsicht bereits groß investiert. Sein E-Sports-Team tritt in der „e-Football.Pro League“ gegen Manchester United, den FC Barcelona und Juventus Turin an. An der Konsole sitzen die Spieler Oltra, Segura und Guillén. Namen, die man sich dringend merken muss.