Jan Weiler: Autor, Kolumnist, Bahn-Opfer … Impressum
Mein Leben als Mensch — Verfasst am 29.06.2020

688_Mürbeteigig gegen Corona

Gelegentlich bin ich einer Meinung mit dem US-Präsidenten. Genau wie Donald Trump war ich nämlich der Meinung, die ganze Corona-Sache würde sich mit dem Sommer erledigt haben. Aber Donny und ich hatten unsere Rechnung ohne Tönnies gemacht, einem buchstäblich eiskalten Unternehmen, in welchem ganzjährig winterliche Temperaturen herrschen. Da verbreitet sich Covid-19 wie ein Sommerhit und bleibt uns als Gute-Laune-Töter erhalten. Covid-19 ist sozusagen das „Mambo No 5“ unter den Lungenerkrankungen.
Diesen Umstand sollte man weiterhin ernst nehmen, aber ziemlich viele Menschen verhalten sich inzwischen, als würden sie anstelle des Virus lieber ihren Verstand dauerhaft beseitigen wollen. Anders sind die Horden von Feiernden in den lauen Innenstädten nicht zu erklären. In Düsseldorf wurden schon Altstadtstraßen von Polizeikräften geräumt. In München überlegt man, einen Platz in der Nähe der Münchner Freiheit sozusagen kampflos den Corona-Ignoranten zu überlassen. Überall gibt es sonst aggressiven Stress, weil einfach gerade zu viele Trottel auf einmal auf zu engem Raum abhängen. Die maliziöse Überlegung, dass man auf diese Weise den blöderen Teil der Bevölkerung auf Dauer los wird, führt aber nicht sehr weit, denn diese Menschen mischen sich ja in Beruf und Konsum wiederum mit jenen, die auf sich und andere achten. Man müsste also vielleicht doch wieder die Schrauben anziehen.
Aber das fällt der Politik schwer. Hü- und Hott-mäßig tut sich dabei der Ministerpräsident von Nordrhein-Westfalen besonders hervor. Der unentschieden zwischen hart und weich changierende, sozusagen mürbeteigige Armin Laschet zögerte erst mit Entscheidungen in Ostwestfalen und musste dann hinnehmen, dass seine Mitbürger aus Gütersloh in Bayern bei seinem Gegenspieler Markus Söder nicht mehr urlauben dürfen. Es ist anzunehmen, dass sich Söders Wahlchancen mit dieser Maßnahme stark verbessern, während Laschet daheim immer unbeliebter wird. So wird das nie was mit der Kanzlerschaft.
Und wer sind die leidtragenden dieser Politik? Die Kinder. Natürlich. Keine Abibälle, keine Rumgehänge in Freibädern, keine Partys. Sie werden gegängelt, um ihre Bildung gebracht und um ihren Spaß am Leben. Sollte man meinen. Aber in Wahrheit sind sie anpassungsfähiger als wir. Sie suchen sich ihre Lücken wie Wasser, dass durch die Hand rinnt. Und sie haben dann Ulkiges aus ihrem Corona-Alltag zu berichten. So wie Nick, der gestern Abend nach Hause kam und von seiner Begegnung mit der Polizei erzählte.
Nick und seine Kumpel saßen also zu zwölft im Englischen Garten und chillten, als ein VW-Bus der Polizei angerollt kam. Er hielt und drei Herren und eine Dame stiegen aus. Sie gingen zu den Jugendlichen, stellten sich vor und belehrten die Gruppe, dass ihre Zusammenkunft zur Zeit nicht gestattet sei. Dann wurden Nick und seine Freunde angewiesen, in zwölf verschiedene Richtungen den Platz zu verlassen und nach Hause zu gehen.
Die Polizei fuhr ab, die Kinder standen auf, gingen ein paar Schritte und setzen sich fünfzig Meter weiter wieder hin, packten Musik und Getränke aus und schnatterten wieder los. Ungefähr so wie ein Vogelschwarm, der nach Aufschreckung durch den Förster vier Bäume weiter fliegt und sich dort wieder in die Krone setzt. Nach einer Viertelstunde kam die Staatsmacht. Und was folgte war keine polizeiliche Gewalt, sondern eher ein vierfaches Auftreten von Beamten-Demenz. Die drei Herren und die Dame schritten über die Wiese, stellten sich vor, belehrten die Adoleszenten dahingehend, dass ihre Zusammenkunft nicht gestattet sei und wiesen sie an, in zwölf Richtungen zu gehen und dann nach Hause.
„Die haben gar nicht gemerkt, dass sie dieselbe Gruppe wie vorher angequatscht haben“, jubelt mein Sohn und erzählt weiter, das sie dann noch einmal vierzig Meter weiter gezogen seien. Und dass beim dritten Mal schließlich die Polizistin gefragt habe, ob man sich nicht von früher kennen würde. Das fanden Nick und seine Kumpel so lustig, dass sie in Tränen ausbrachen. Die veräppelten Beamten drohten mit Konsequenzen. Da sind alle nach Hause gegangen. Und hatten was zu erzählen. Solange diese Zeit solche Geschichten hergibt, steht es nicht so schlimm um uns.