Jan Weiler: Autor, Kolumnist, Aufschneider … Impressum
Mein Leben als Mensch — Verfasst am 06.07.2020

689_Das Personal protestiert

Es gibt eigentlich absolut keinen Grund, jemals bei mir ausziehen zu wollen, denn die Ausstattung der Wohnanlage und der Service sind unschlagbar. Man muss sich mal vorstellen, welche Leistungen kostenfrei inkludiert sind, wie der Schweizer sagt: Ganzjährig fließendes Wasser, auf Wunsch angewärmt. Handtücher und Bettwäsche werden regelmäßig ausgetauscht. Der Kühlschrank ist mit Leckereien verschiedener Molkereien bestückt. Der Vorrat an Backwaren und Nuß-Nougat-Creme wird andauernd geprüft, Schwankungen werden ausgeglichen, ohne dass es der Gast überhaupt bemerkt.
Das W-LAN-Signal ist stabil, das Download-Tempo befriedigend, es stehen mehrere Streaming-Dienste zu Verfügung, genau wie Softdrinks, Pflaster nach Skateboard-Verletzungen, Platz zur freien Entfaltung und nicht zu vergessen ein Vater, der jederzeit mit ausgezeichneten Life Hacks und Ratschlägen in sämtlichen Fragen der Lebensführung aufwarten kann. Meistens macht der das sogar ungefragt und immer sehr ausführlich. Auf keinen Fall erwarte ich Dankbarkeit. Oder Lob. Zum Beispiel dafür, dass ich eine Fachkraft regelmäßig mit der Entkrümelung seines Bettes und der Säuberung seiner Tastatur beauftrage. Die Dame kommt wöchentlich und bevor sie in sein Zimmer geht, höre ich sie von meinem Büro aus laut seufzen. Schicksalsergeben entsorgt sie Chipstüten, Joghurtbecher, Geschirr und vergorene Getränke, um dann das Bett zu entkernen und den Boden freizulegen. Wenn er nach Hause kommt, freut sich Nick und beginnt augenblicklich damit, das Zimmer wieder in den Zustand zu bringen, der unsere Putzfrau laut seufzen lässt
Es ist ein Leben in Saus und Braus. Dennoch tauchte Nick gerade in meinem Büro auf und verkündete ungnädig, dass er demnächst ausziehen wolle. Oder spätestens, wenn er achtzehn sei. Seine Lebensumstände seien eigentlich untragbar. Ich dachte zunächst, die wieder aufgeflammte Präsenz-Beschulung sei schuld an seinem Ungemach, tatsächlich waren es aber zwei andere, eigentlich auch unfassbare Missstände. Zum einen ist sein Duschgel schon wieder alle. Und zweitens sucht er überall das eine Sweatshirt, das schwarze.
Was das Duschgel betrifft, so habe ich nicht rechtzeitig für Naschschub gesorgt. Mein Fehler. Ich kann mir nun einmal nicht vorstellen, dass man jede Woche neues Duschgel braucht. Aber ich weiß ja auch nicht genau, was er damit anstellt. Pubertiere haben das Recht auf Geheimnisse und er kostet dieses Recht tüchtig aus.
Bei dem Sweatshirt ist es anders. Das habe ich, ehrlich gesagt, versteckt. Ich weiß, das macht man nicht. Und es ist ziemlich albern und absurd, geradezu kindisch. Aber auch Notwehr! Und zwar ist die Sache die: Nick beutet meine Arbeitskraft und meine Geduld aus, indem er andauernd Klamotten in den Wäschekorb wirft, die total sauber sind und daher überhaupt nicht gewaschen werden müssen. Manchmal findet er sie zu zerknittert, aber meistens dauert es ihm bloß zu lange, die Sachen zusammen zu legen und wieder in den Schrank zu tun. Es ist viel einfacher, sie mit einer Art Baggergriff zu packen, um sie dann neben der Waschmaschine in den Korb fallen zu lassen.
Wir haben darüber geredet. Schon oft. Dann stand ich ratlos vor ihm, zeigte ihm eine Hose und sagte: „Nick, ganz im Ernst, die kann man wundervoll noch tragen. Wo ist die schmutzig?“ Darauf nahm er die Hose und fand irgendwo an einer unsichtbaren Stelle etwas wie eine Verfärbung der Baumwolle. „Da, da ist ein Fleck. Die Hose ist pottdreckig.“ Oder er teilte mit, dass Menschen in seinem Alter aus Hygiene-Gründen ständig frische Wäsche brauchten. Jedenfalls lässt seiner Meinung nach das Wäschemanagement zu wünschen übrig.
Kann sein. Und ja, ich habe das Sweatshirt versteckt, um auf die Nöte von Nicks Angestellten, also mir, aufmerksam zu machen. Vielleicht, so dachte ich, bringt es uns in einen Dialog, wenn er sie nicht findet. Aber das geschieht dann sehr schnell. Nach wenigen Augenblicken steht er mit dem Hemd in meinem Büro. „Was macht mein Sweatshirt im großen Nudeltopf?“ Ich finde, die brennendste Frage der Stunde müsste ganz anders lauten: Wie kommt der Kerl darauf, seinen Pulli im Nudeltopf zu suchen?