Jan Weiler: Autor, Kolumnist, Hoteltester … Impressum
Mein Leben als Mensch — Verfasst am 13.07.2020

690_In der Zwangsjacke der Optionen

Wo man nur hinsieht: Überfluss. Das Warenangebot ist einfach zu groß. Ich kenne einen Supermarkt, in dem es 41 verschiedene Sorten Senf gibt. Nichts gegen Senf, aber mich machen bereits zehn Sorten ratlos, zumal man nur eine Variante wirklich braucht, nämlich scharfen Senf. Alles andere ist sinnlos und süßer Senf zählt erst gar nicht, weil es sich dabei im Grunde genommen nur um Weißwurst-Marmelade handelt. Süßer Senf sollte im Supermarkt bei den Konfitüren stehen. Und Dijon-Senf ist ein evolutionäres Missverständnis, Hybrid-Paste für Menschen, die unsortiert auf Rettung aus dem Weltall warten.
Derselbe Supermarkt führt siebzehn verschiedene Camemberts. Und über zwanzig Gins. Ich will nicht kleinkariert erscheinen, wahrscheinlich schmecken sie alle ein bisschen unterschiedlich. Aber: Hinterher macht jeder Gin auf die gleiche Art betrunken. Und reinen Wirkungstrinkern ist es total wurscht, ob Lavendel oder Zitrusfrüchte verarbeitet wurden. Ihnen reicht im Grunde ohnehin die Auswahl zwischen Chantré und Wodka Gorbatschow.
Diese beide Marken sind übrigens gerade ziemlich beliebt bei Jugendlichen, wie ich mir habe sagen lassen. Der absolute Renner sei Chantré mit Sprite, erzählte mir mein Sohn gestern. Wer bereits im Gedanken an diese Mischung Ekelsausen bekommt, sollte seinen Hochmut zügeln. Immerhin hat die aktuelle Eltern-Generation den Siegeszug von so abstrusen Spirituosen wie Grüne Banane, Blue Curacao sowie Küstennebel verschuldet. Und das ist wirklich die Saat des Bösen.
Egal. Jedenfalls dachte ich kulturpessimistisch über die Folgen des allgemeinen Überangebotes nach. Und darüber, dass mir die Speisekarten auch immer zu ausführlich sind. Ich möchte gar nicht, dass ein Restaurant 37 Hauptgerichte führt, es macht mich nervös. Ich kann mich nicht entscheiden, ständig martert mich der Gedanke, dass eine andere Entscheidung womöglich besser, klüger, gesünder oder leckerer sein könnte. Ich gehöre zu jener Minderheit der Deutschen, die sich deshalb freuen, wenn es weniger gibt, weil es den Stress verringert. Tatsächlich wird aber die Anzahl der Wahlmöglichkeiten immer größer. Volkswagen bietet nicht einfach den Golf an, sondern inzwischen über tausend Möglichkeiten, diesen zu konfigurieren.
Mitten in meine Überlegungen platzte Carla. Unsere Tochter ist ausgezogen und sie hat alles, was sie braucht, außer einer Waschmaschine. Daher pendelt sie mit ihrer Wäsche zwischen ihrer Mutter, ihrem Vater und einem Waschsalon. Sie entscheidet sich nach Gefühl, wobei jeder Ort seine Vor- und Nachteile hat. Der Waschsalon kostet Geld und es wird dort nicht gebügelt, aber man lernt manchmal nette Leute kennen. Saras Waschmaschine liegt am nächsten, sie muss also die Klamotten nicht durch die halbe Stadt schleppen. „Und was spricht für mich?“ fragte ich neugierig. Carla schüttete ihren Wäschesack aus und sagte: „Dein Bügelservice. Niemand bügelt wie Du!“ Das ist das schönste Kompliment, das man einem manisch plättenden Bügel-Paganini wie mir machen kann.
Carla blieb dann zum Essen und weil ich nicht darauf vorbereitet war, beschlossen wir, Pizza zu bestellen. Aber ich scheiterte bereits an der Auswahl des Bringdienstes. Soll man nach Bewertungen, nach Liefergeschwindigkeit oder nach Speisekarte auswählen? Schließlich übernahm Carla und suchte alles für mich aus. Ich sehe blöde lächelnd einer schrittweisen Entmündigung entgegen.
Während wir warteten, unterhielten wir uns über Politik. Carla findet es schade, dass Angela Merkel nicht mehr kandidieren will. Für meine Tochter und ihre Freundinnen ist die Kanzlerin zwar in der falschen Partei, aber ein weibliches Vorbild. Das finde ich sehr bemerkenswert. Die anderen Kandidaten der CDU findet sie unwählbar, einfach völlig grotesk. Die größte Siegchance für die CDU besteht also offenbar darin, dass die Bundeskanzlerin sich einen großen Schnurrbart ins Gesicht klebt und als „Angelo Merkel“ antritt. Es könnte gut sein, dass die Deutschen so sehr mit der schwierigen Auswahl eines Pizza-Bring-Dienstes bei Lieferando beschäftigt sind, dass sie diese Finte gar nicht bemerken.