Jan Weiler: Autor, Kolumnist, Fichten-Moped … Impressum
Mein Leben als Mensch — Verfasst am 20.07.2020

691_Volksseele kocht

Schon seltsam, womit man heute Aufmerksamkeit erzielen kann. Mir gelang dies in der vergangenen Woche mit dem schmalen Hinweis, dass ich gerne und gut bügle. Ich bin der Ayrton Senna der Bügelstation; ich stehe im Dampf wie Jack the Ripper; ich umkurve Knöpfe wie Lionel Messi Abwehrspieler und ich schaffe drei Waschmaschinen in eineinhalb Stunden. Außerdem macht mir das Bügeln Spaß. Das fanden zahlreiche Leserinnen und ein paar Leser so bemerkenswert, dass sie sich veranlasst sahen, mir zu schreiben. Die letzte Kolumne war wirklich eine der am meisten kommentierten in den vergangenen dreizehn Jahren. Nur: Warum? Das ist mir ein Rätsel. Weil ich ein Mann bin? Echt jetzt?
Ich kann ja verstehen, dass die Volksseele kocht, wenn man schreibt, dass man diesen einen Text aus der „taz“ mit den Polizisten und der Müllkippe unkreativ und stilistisch total armselig fand. Oder wenn man sich als Sportwagenbesitzer zum Tempolimit äußert, egal was man dabei sagt. Oder wenn man freundlich darauf hinweist, dass Migranten irgendwie im Alltag gar nicht so ein Problem zu sein scheinen, wie von der AfD jahrelang behauptet wurde.
Mit Beiträgen zu diesen Themen kann man sich im Wettstreit um die Aufmerksamkeit der Öffentlichkeit jederzeit in Erinnerung bringen und Likes sammeln. Oder Kommentare. Oder Hassbriefe. Ich glaube, es existieren nicht wenige Autorinnen und Autoren, die stolz darauf sind, wenn sie beschimpft werden, um dann wiederum von ihrer eigenen sozialen Gruppe beschützt zu werden. Bei Kindern nennt man das „sekundärer Krankheitsgewinn:“ Man piekst sich absichtlich an einem Dorn, weil man von den Eltern zum Trost auf den Arm genommen werden möchte.
Es überrascht mich jedoch, dass bügelnde Männer offenbar ähnlich anregend wirken wie schimpfende Vegetarier und ich möchte auf die Zuschriften dahingehend antworten, dass ich nicht bei Frau B. aus Erfurt bügeln möchte. Auch nicht bei den anderen Damen, die mir gleichlautende Angebote unterbreitet haben. Erstens ist meine Bügelstation zu schwer, um sie durch Deutschland zu schleppen. Und zweitens bin ich bereits auf Jahre hinaus ausgelastet. Mein Sohn Nick achtet nämlich sehr darauf, dass unser Wäscheberg nie kleiner wird. Er hat die unter Pubertieren verbreitete Angewohnheit, saubere Klamotten in den Wäschekorb zu werfen. Das macht er, weil er keine Lust hat, sie zu falten und zurück in den Schrank zu legen. Also deklariert er sie als schmutzig, schmeißt sie in die Wäsche und bekommt sie spätestens drei Tage später geplättet, gefaltet und gestapelt in einem Korb aufs Bett gestellt. Warum sollte er sich also die Mühe machen, seine Kleidung zu sortieren?
„Aus Umweltgründen“, sage ich zu ihm, wenn wir darüber diskutieren. Dann stehe ich mit einer Hose vor ihm und erkläre ihm, dass es sinnlos sei, saubere Klamotten zu waschen. Die Energie, das Wasser, das Waschmittel. Schwachsinn. Darauf nimmt er mir die Hose weg, findet einen nur mit Mühe als solchen überhaupt erkennbaren Fleck, vielleicht auch nur einen Fehler im Baumwollgewebe und verkündet, er könne unmöglich mit derart dreckigen Sachen in die Schule. Und ob ich schuld sein wolle, wenn man so einem vernachlässigten Kind wie ihm den Hochschulzugang nur wegen dürftiger Kleiderhygiene verweigerte.
Ich seufze und gehe mit der Hose zurück in die Wäscherei, die ich in unserer Wohnung betreibe. Ich sortiere und wasche und trockne und wenn ich sehr brav bin, darf ich abends im Wohnzimmer bügeln. Gerne während der Ausstrahlung eines Tatorts. Dessen Qualität beurteile ich danach, ob ich die Handlung verstehe, ohne die Bilder zu sehen, weil ich nun einmal nicht gleichzeitig hochkonzentriert einen Hemdkragen und Jan-Josef Liefers angucken kann. Man kann die meisten Tatorte sehr gut nur hören, was die Vermutung zulässt, dass sehr viele Gebührenzahler beim Tatort bügeln und auf die muss Rücksicht genommen werden.
Eine Anregung aus der Leserpost möchte ich noch aufnehmen. Die Idee des Gruppenbügelns gefällt mir sehr. Alle bringen Wäsche, Eisen und Bretter mit und dann wird gedampft, gezischt, geplaudert und gebügelt. Zwischendurch gibt es Getränke. Kann sein, dass ich bald Mitstreiter suche. Einmal die Woche. Vielleicht ja Sonntags.