Jan Weiler: Autor, Kolumnist, Kapselheber … Impressum
Mein Leben als Mensch — Verfasst am 27.07.2020

692_Tatsächlich Karriere

Das Wort „Sommerloch“ klingt ja durchaus etwas depressiv. So, als sei gerade im Leben nichts los. Sauregurkenzeit. Pause. Man schleppt sich in Zeitlupe durch scheinbar ereignislose Tage. Ich jedenfalls. Bei unserem Sohn Nick ist hingegen gerade das genaue Gegenteil der Fall. Sein Sommer ist vollgepackt mit Aktivität, Abenteuern und nicht nachlassender Spannung. Er hat keine Schule, keine Pflichten, keine Pläne. Dabei ist Letzteres exakt das, worüber Eltern mit ihren Kindern am liebsten sprechen. Und zwar besonders im Sommerloch. Da kann man ja mal über die Karriere reden, über die Zukunft, über das Projekt Schulabschluss und andere wirklich wichtige Angelegenheiten des Lebens. Wann denn sonst?
Nick begegnet mir im Flur und quittiert mein Ansinnen, über seine Pläne zu reden, mit einem sehr müden Blick. Der kommt auch daher, dass er gerade erst aufgestanden ist. Um 14:36 Uhr. Er teilt mit, dass er morgens keine Lust auf derartige Gespräche habe, dass er zudem tatsächlich erst frühstücken müsse und später tatsächlich verabredet sei. Ich möge mir einen Termin bei seiner Sekretärin geben lassen, aber die sei tatsächlich auf unbestimmte Zeit verreist. Dann nimmt er ein Stück kalte Pizza aus dem Kühlschrank und verschwindet kauend in seinen Gemächern. Und ich sitze da und denke über seine und grundsätzlich über Karrieren nach.
Eine der größten Karrieren der letzten Jahrhunderte hat Andreas Scheuer gemacht. Diese erst kühn klingende Behauptung legitimiert sich durch die Tatsache, dass er immer noch Bundesverkehrsminister ist. Das ist seine große Lebensleistung, auch wenn er selbst relativ wenig dazu beigetragen hat, im Amt zu bleiben. Er ist offenbar nur deshalb noch Minister, weil sein Boss Markus Söder und seine Chefin Angela Merkel das so vereinbart haben. Womöglich denken sie, dass er auf seinem derzeitigen Posten den geringsten Schaden anrichten kann. Das ist natürlich ein alarmierender Befund, wenn man bedenkt, dass die gescheiterte PKW-Maut am Ende über eine halbe Milliarde Euro kosten könnte. Nicht auszudenken, wenn der Mann Verteidigungs– oder Finanzminister wäre.
Jedenfalls eine ziemlich beeindruckende Karriere, die nach seiner Kündigung kein Ende nehmen muss. Seine Vorgänger landeten ja auch öfter in themenverwandten Berufen bei der Bahn oder der Automobil-Industrie. Vorstellbar wäre daher für Scheuer eine Verkäuferstelle im BMW-Autohaus in Fürstenfeldbruck oder so.
Die zweite große Karriere, die mir zur Zeit den Atem raubt, hat das Wörtchen „tatsächlich“ hingelegt. Das sagt irgendwie jeder dauernd. Als ich Nick gestern fragte, ob er meine Hosen anhabe, sagte er, dass er tatsächlich nur noch meine Hosen trage. Tatsächlich. Wenn man darauf achtet, hört man nur noch dieses Blödsinnswort, das tatsächlich inzwischen in jedem TV-Interview vorkommt. Ich bin da inzwischen hochgradig sensibilisiert und das geht auf Kosten meiner Konzentration beim Lesen. Meine Karriere als Leser ist darüber ins Stocken geraten, das meiste überfliege ich nur noch. Und so kommt es andauernd zu Missverständnissen.
Vorhin las ich eine Bildunterschrift in der Zeitung. Da stand: „Nach Ende des 120 Tage langen Lockdowns in Neapel putzt ein Mitarbeiter die Fenster eines Restaurants in Kathmandu. Ich wunderte mich. Warum sollte den ein Neapolitaner in Kathmandu Fenster putzen. Ich trug meinem Sohn den merkwürdigen Satz vor, er warf einen Blick auf die Zeitung und sagte: „Da steht nicht Neapel, sondern Nepal, Opa“. Und dann erklärte er mir, dass er sich tatsächlich vorstellen könnte, in die Politik zu gehen. Partei egal, Hauptsache tatsächlich Dienstwagen.