Jan Weiler: Autor, Kolumnist, Basstölpel … Impressum
Mein Leben als Mensch — Verfasst am 03.08.2020

693_Der Zikaderich hat’s schwer

Die Singzikade ist das Symboltier des Urlaubs schlechthin. Wer an den Sound der Ferien im Süden denkt, egal ob in Griechenland, Spanien, der Türkei oder Italien, der denkt an die Zikade und ihr unablässiges Geschnirpe. Den ganzen Tag über. Mit bis zu 120 Dezibel. Sehr beeindruckend. Dabei ist die Zikade ein armes Würstchen. Oder besser gesagt: Die männliche Zikade. Und damit geht der Ärger schon los. Es existiert nämlich keine männliche Form für die Spezies. So etwas wie Zikado. Oder Zikaderich. Und der führt über diesen zutiefst enttäuschenden Umstand hinaus auch noch ein recht deprimierendes Dasein.
Einmal geschlüpft, krabbelt die männliche Zikade am Baum hoch, sucht sich ein Plätzchen und fängt an zu singen, um eine Frau zu finden, was aber manchmal für alle Beteiligte quälend lange Monate dauert. Denn: Der Zikadenmann ist kein Augenschmaus. Das denken auch die weiblichen Zikaden und machen einen großen Bogen um die reizlosen Schnabelkerfen. Wenn ich eine Zikade wäre, würde ich auch lieber mit einem eleganten Taubenschwänzchen ausgehen als mit so einem pointenlos vor sich hin brüllenden Prolo.
Die Verzweiflung des Zikados über den fehlenden Gender-Namen, seine offensichtliche Scheußlichkeit sowie dem Desinteresse der Zikaden-Damen äußert sich in bisweilen sehr ausdauernder Singerei, die er übrigens mit dem Po absolviert, was ihn auch nicht attraktiver macht. Muss man sich mal vorstellen. Der sitzt bloß rum und spielt Arschtrommel.
Das dabei entstehende Gerassel gibt vielen Touristen Anlass zur Beschwerde. Sie empfinden die Lebensaufgabe des Zikados als Ruhestörung und Zumutung und machen sich gar keine Gedanken darüber, dass der Erfolg dieses Gesanges recht gleich zum Tode des Interpreten führt. Denn nach der Paarung muss der Zikadero sterben. Drei Monate hartes Schuften mit dem Hintern, ein paar Minuten Lebensfreude und dann ist schon alles vorbei. Das Leben des Zikaderichs ist ein einziges Werben und Sterben. Urlauber stören sich besonders an der Monotonie des Gesanges. Ich finde das kleinkariert. Man muss sich bloß mal vorstellen, die Singzikade hätte mehr drauf und würde beispielsweise wochenlang „Brother Louie“ singen. Wir können froh sein, dass sie sich mit einem Lied begnügt, dass lediglich aus einem einzigen Ton besteht. Das kann man noch in den Alltag integrieren.
Ein Äquivalent zum Wirken des Zikaderichs stellen die Lautäußerungen unserer Politiker in den warmen Monaten dar. Auch sie betätigen eine Art Arschtrommel, nennen dies jedoch Sommer-Interview. Zur Zeit propagieren einige von ihnen eine Änderung des Wahlrechts, um auch an Stimmen von 16– und 17jährigen zu kommen. Das finde ich im Prinzip richtig, denn Menschen unter 18 haben in der Zukunft Probleme zu lösen, mit denen die Generation ihrer Eltern offensichtlich überfordert ist. Dann sollen sie auch mitreden dürfen.
Das Dumme ist nur: Die Wahl-Alternativen für Jungwähler sind rar, es sei denn man nimmt den Generationenvertrag ernst und kümmert sich gerne um alte Menschen. Davon gibt es reichlich im Bundestag. Der Altersdurchschnitt beträgt 49,4 Jahre. Die Jugendlichen werden gerade vor allem durch einen 27jährigen Lobbyisten vertreten, der unter Korruptionsverdacht steht und den man schon aufgrund seines Waffenscheines als Knalltüte bezeichnen darf.
Es wäre also nur recht und billig, wenn die Jungen nicht nur wählen, sondern auch gewählt werden könnten. Theoretisch ist das möglich, man darf mit der Volljährigkeit auch Mitglied des Bundestages werden. Allerdings müsste man dann ungefähr sieben Jahre vor der eigenen Geburt in eine Partei eintreten, um sämtliche Stationen zu durchlaufen, die am Ende von einem Mandat im Parlament gekrönt werden. Vielleicht sollte man das ändern. Ich würde dafür sofort mit allen Zikaden Italiens um die Wette singen.