Jan Weiler: Autor, Kolumnist, Kinokartenverlierer … Impressum
Mein Leben als Mensch — Verfasst am 10.08.2020

694_Arbeitsmoral auf Urlaub

Also die einzigen, die hier bei uns in Italien gerade schuften wie verrückt, sind die Ameisen. Sie säubern das Messer von der Marmelade, die Nick nicht abgespült hat. Das hätte ich natürlich auch machen können, schon um die Ameiseninvasion zu verhindern. Aber ich habe keine Lust. Sollen die Ameisen sich damit abplagen. Ich bin im Urlaub. Und da mache ich nichts, was sich so ähnlich anfühlt wie Arbeit, selbst wenn es sinnvoll erscheint.
Ich könnte zum Beispiel den Abfluss in der Dusche freipümpeln. Aber wir besitzen hier keinen Gummisauger. Den müsste ich erst einmal kaufen. Und dafür wiederum müsste ich aufstehen, mich ins Auto setzen und in den Baumarkt fahren. Und dann dort den Pümpel suchen. Das ist gar nicht so einfach.
Italienische Geschäfte sind nämlich häufig anders aufgebaut als deutsche, die Waren werden in einer anderen Logik feilgeboten als bei uns. Gerade letzte Woche stellte ich zum Beispiel fest, dass die Kondome im Drogeriemarkt direkt neben den Hornhauthobeln hängen. Das verleiht dem Begriff „Verhütung“ eine ganz neue Dimension. Ich machte diese Entdeckung, als ich auf der Suche nach einem neuen Perlator war, weil jener in der Küche verkalkt vor sich hin sprühte. Immer, wenn man einen Teller spülen wollte, musste man ihn sich direkt vors Gesicht halten, damit er und nicht man selber nass wurde.
Doch ich fand keinen Perlator und wendete mich an eine Fachkraft. Ich finde ja, dass Perlator ausgesprochen italienisch klingt. Genau wie Tomate. Aber Tomate heißt Pomodoro, also völlig anders. Und von einem Perlatore hat man in Italien ebenfalls noch nie gehört. Der Verkäufer sah mich auf meine Bitte nach einem neuen Perlatore an wie einen seltenen flugunfähigen Riesenvogel. Also begann ich mit der eindringlichen pantomimischen Darstellung eines Wasserhahns mit Einhandmischer und machte dabei das Geräusch von Wasser, dass durch einen verkalkten Perlator in alle Richtungen spritzt. Der Verkäufer sah mir interessiert zu, dann sagte er zu einer Kollegin: „I tedeschi sono persino più pazzi degli olandesi“*. Mein italienisch reicht aus, um die Ungeheuerlichkeit dieser Beleidigung mit beharrlichem Lächeln zu kontern.
Am Ende half mir Nick, indem er Google Lens einsetzte und herausfand, dass die Dinger in Italien „Aerotone“ heißen. Google Lens ist seitdem mein ständiger Begleiter bei Einkäufen, auch wenn die Suchergebnisse nicht immer halten, was das Programm verspricht. Man kann damit fremdsprachige Etiketten in Echtzeit übersetzen, indem man die Handykamera darauf hält. Ein Knopfdruck und man bekommt sämtliche Details übersetzt eingeblendet. Demgemäß handelt es sich bei den Rinderrouladen aus der Fleischtheke im „Conad“-Supermarkt um „Scheiben von erwachsenen Katzen.“
Jedenfalls fahre ich jetzt nicht los und mime im Baumarkt einen Pümpel, bloß weil unser Sohn unter der Dusche nadelt wie ein Christbaum zu Ostern. Er hat mir erklärt, er müsse sich quasi ununterbrochen rasieren, um der Damenwelt ein Wohlgefallen zu sein. Daher die Verstopfung. Und bei der bleibt es auch. Ich mache gar nichts. Ich schiebe seit Wochen alles auf Morgen. Da hat sich schon ziemlich viel angestaut und das stimmt mich sorgenvoll.
Wenn ich das nämlich wirklich alles morgen erledige, habe ich morgen ziemlich viel zu tun. Da schließt sich jedes Zeitfenster für Müßiggang. Die ganze Urlaubserholung ist futsch. Das kann ich nicht zulassen. Ich verschiebe also alles, was ich auf morgen verschoben habe auf ein anderes Morgen. Auf irgendwann. Oder ich schmiere Marmelade in den Abfluss und lasse die Ameisen die Arbeit machen. Eigentlich ziemlich genial, diese Idee.
*Die Deutschen sind sogar noch verrückter als die Holländer