Jan Weiler: Autor, Kolumnist, Hoteltester … Impressum
Mein Leben als Mensch — Verfasst am 17.08.2020

695_Die halbseidenen Perseiden

Die tosende Langeweile, der ich mich während der Ferien mit Wonne anvertraue, wurde vor ein paar Tagen durchbrochen, als mich meine Tochter fragte, ob es eigentlich Dinge gäbe, die ich nie getan zu haben bereute. Da fiel mir nicht viel ein. Ich finde schade, dass ich aus Altersgründen nicht mehr in die Nationalmannschaft kommen kann. Bundestrainer, Bundeskanzler und Bundespräsident sind hingegen noch möglich, jedenfalls theoretisch. Ansonsten habe ich sehr viel erlebt, zum Glück aber auch nicht zu viel. Mir fehlen keine Erfahrungen und ich bereue nichts. Also fiel mir auch nichts ein.
Unter dem Druck, eine Antwort geben zu müssen und weil ich gerade etwas darüber auf meinem Handy las, sagte ich jedoch, dass ich leider noch nie eine Sternschnuppe gesehen habe. Das fand Carla enorm aufregend, denn das konnte sie sich gar nicht vorstellen. Über fünfzig der Mann, und hat noch keine Sternschnuppe fliegen sehen. Kann ja gar nicht sein. Ist aber so. Hat aber Gründe: Ich gucke einfach nicht so oft nach oben. Wenn das anders wäre, hätte ich den Skorpion an der Zimmerdecke bemerkt, bevor er runterfiel und über meine Decke krabbelte, um dann zwischen den Matratzen zu verschwinden. Ich schlafe seitdem schlecht. Er könnte rauskommen und mich zur Rechenschaft ziehen, weil ich vor vier Jahren versehentlich einen seiner Kollegen zertraten habe.
Carla ordnete ein Sternschnuppengucken für den Abend an. Die Perseiden seien gerade unterwegs, ein Naturschauspiel sondergleichen, jedenfalls wenn man spätabends in nordöstliche Richtung sähe. Nick entschied, dass so etwas in Superhelden-Filmen immer beeindruckender aussehe und nahm nicht teil. Sterne sind ihm schnuppe. Aber ich bereitete alles für Carla und mich vor, stellte Liegestühle in die richtige Position, mixte bunte Drinks und füllte diverse Nussmischungen und Chips in Schälchen, was ein Indiz dafür ist, dass die wissenschaftliche Naturbeobachtung und ich noch ganz am Anfang unserer Beziehung stehen.
Es war dann sagenhaft langweilig. Keine einzige Schnuppe war zu sehen, bloß Flugzeuge und Satelliten und völlig unbewegliche Sterne. Carla begann dann, mir die Sternbilder zu zeigen. Die Hupe. Die Birne. Der große Pimmel. Der kleine Pimmel. Ich habe jedoch im Nachhinein den Verdacht, dass sie sich das alles bloß ausgedacht hat. Denn von einem Sternbild namens „Cornetto Erdbeer“ habe ich noch nie gehört. .
Gerade als ich nach unten sah, um ein paar Pistazien zu nehmen, schrie sie: „Da ist eine.“ Als ich den Kopf hob, war sie weg. Daraufhin holte ich mir ein Bier. „Da ist wieder eine“, schrie sie, während ich drinnen vor dem Kühlschrank stand. Eine weitere flog vorbei, als ich nach meinem Feuerzeug suchte. Insgesamt sah Carla acht und ich keine einzige Sternschnuppe. Von wegen Perseiden. Allerhöchstens halbseiden, würde ich sagen. Ich fühlte mich vom Leben verschaukelt. Und ich konnte damit nicht leben.
Als Carla genug hatte und aufstand, um ins Haus zu gehen, schrie ich: „Da ist eine!“ Das stimmte zwar nicht, aber ich wollte auch mal schreien. Carla sah hoch, aber da war nichts. Darauf gestand ich ihr, dass ich sie bloß veräppelt hatte. Und nach einer kurzen Pause sagte sie: „Ich Dich auch. Die ganze Zeit. Ich habe gar nichts gesehen.“ Sie war etwas geknickt. Wir klappten die Stühle zusammen und gingen zum Haus. Gerade als Carla durch die Tür schritt, leuchtete etwas am Himmel. Da zog eine riesige Sternschnuppe vorbei. Wie ein leicht gebogener Strich, hell, deutlich und breit. Es dauert bestimmt drei oder vier Sekunden. Was für ein Erlebnis. Ich erzähle meiner Tochter nichts davon. Sie würde es ohnehin nicht glauben. Und wenn doch, wäre sie enttäuscht. Also bleibt die Sache unter uns. Unter mir und der Schnuppe.