Jan Weiler: Autor, Kolumnist, Unterwäschemodel … Impressum
Mein Leben als Mensch — Verfasst am 24.08.2020

696_Ein Schnitzel für Laurin

Manchmal bin ich schon froh, dass diese ganze Kindererziehung vorbei ist. Nick und Carla sind fertig, sie wurden von uns nach umfangreicher Endkontrolle an die Welt ausgeliefert und wir können mit dem Ergebnis unserer Produktion recht zufrieden sein. Immerhin benehmen sich unsere Kinder nur zuhause wie blutrünstige Tempeltänzer, während sie anderswo durch brillante Umgangsformen hervorstechen. Ich würde sie gerne einmal neu kennenlernen und genauso begeistert sein wie die Eltern, die uns regelmäßig mitteilen, was für zauberhafte Geschöpfe wir da großgezogen haben.
Dabei muss man sagen, dass wir es noch recht leicht hatten, als wir vor knapp zwanzig Jahren ins Erziehungs-Business einstiegen. Auch damals gab es schon Ratgeber und mehr oder weniger skurrile pädagogische Hinweise wie jenen, die Kinder abends bis zur Ohnmacht in ihren Bettchen schreien zu lassen. Auf diese Weise sollten sie lernen, dass Weinen nicht durch Aufmerksamkeit belohnt wird. Oder die hinterhältige Sache mit dem bitteren Finger, der mit irgendwas Ekelhaftem eingeschmiert wurde, damit Kleinkinder die Lust verloren, daran zu lutschen. Carla hat dann erst recht gelutscht und dabei geguckt wie Linda Blair im Film „Der Exorzist“.
Wahrscheinlich gibt es diese seltsamen Methoden immer noch, ich habe den Überblick verloren. Auf jeden Fall wurden sie in den letzten beiden Jahrzehnten durch unzählige weitere Erziehungsskills ergänzt, weil sich der Forschungsstand so unfassbar entwickelt hat. Das ist in allen Bereichen des Lebens so. Man bekommt keine Autos mehr ohne Airbags und keine Kinder ohne Lactose-Intoleranz, Gluten-Unverträglichkeit und genderneutrale Matschhosen.
Es muss ein unfassbarer Stress sein, den Kindern sämtliche aktuellen weltanschaulichen Ansichten einzubläuen, die gerade so im Umlauf sind. Dafür werden uralte Kinderbücher umgeschrieben, Lieder neu betextet und Gerichte gekocht, deren Reste man als Vater keinesfalls aufessen möchte, was wenigstens gut ist für die Figur. Auf jeden Fall fand ich es bei uns vergleichsweise entspannt und irgendwie ideologiefrei. Und darauf bin ich ein bisschen stolz.
Und ich bin stolz auf Laurin, 5, den ich gestern Abend in Italien im Restaurant dabei erlebte, wie er sich gegen seine vegetarischen Eltern auflehnte. Die fragten ihn, was er denn gerne essen wolle und Laurin quakte los, er wolle ein Schnitzel. Seine Mutter ließ die Speisekarte sinken, sah ihn ernst an und sagte mit perfider Trauerstimme: „Laurin, Du kannst natürlich essen, was Du möchtest. Aber Dir muss klar sein, dass für Dein Schnitzel ein Tier gestorben ist.“ Laurin dachte nach. Sein Vater ergänzte: „Irgendwo weint jetzt ein Ferkelchen, dass um seine ermordete Mutter trauert. Wenn Du jetzt wirklich ein Schnitzel möchtest, musst Du da nicht an das arme traurige Ferkelchen denken?“ Laurin lächelte seine Eltern an und sagte: „Ich möchte ein Schnitzel.“
Der Kellner kam. Laurins Vater sagte in betrügerischer Verbindlichkeit: „Gut. Wenn Du unbedingt willst, bestelle ich Dir natürlich ein Schnitzel.“ Er wendete sich dem Kellner zu und fragte in sehr passablem italienisch, ob es eine schöne Portion Spaghetti mit Tomatensauce für den Kleinen gebe. Es war ganz klar: Gleich würde er seinem Sohn mit Bedauern mitteilen, dass leider kein Schnitzel erhältlich sei, aber leckere Nudeln.
Da sagte der italienische Kellner in passablem Deutsch, dass man natürlich Pasta mit Tomatensauce für die Kinder hätte. Und natürlich auch Schnitzel mit Pommes und Ketchup. Als das Essen kam, hatten immerhin zwei Leute im Restaurant spitzenmäßige Laune. Nämlich Laurin und ich