Jan Weiler: Autor, Kolumnist, EU-Kommissar … Impressum
Mein Leben als Mensch — Verfasst am 02.09.2020

697_Sorgen in Alufolie

So lange war ich noch nie weg. Zwei Monate. Als ich fuhr, wollte ich für ein paar Wochen der miesen Laune in Deutschland entgehen. Ich flüchtete regelrecht. Und als ich jetzt zurückkam stellte ich fest, dass die Stimmung in der Zwischenzeit noch viel schlechter geworden ist. Mir ist ein völliges Rätsel, warum das so ist.
Ich war also in Italien, einem Land, dem es wirtschaftlich nie besonders gut geht, in dem es keine segensreiche Kurzarbeiter-Regelung gibt und in dem mehr Menschen an Corona gestorben sind als in jedem anderen europäischen Land. Es kamen in diesem Jahr zudem kaum Touristen und es war richtig heiß. Aber ich habe nicht gehört, dass jemand den Staat dafür verantwortlich gemacht hätte.
Man könnte nun einwenden, dass Italien ein kleinbürgerliches und provinzielles Land ist und seine Einwohner sich deswegen nicht um größere Zusammenhänge kümmern. Das mag in Teilen richtig sein, aber was die Italiener mindestens im gleichen Maße auszeichnet ist ihre Besinnung auf das Schöne und ihre Neigung, Probleme einfach zu ignorieren.
Ein Beispiel: Seit Jahrhunderten leben die Menschen im Großraum Neapel auf einem Supervulkan. Die so genannten phlegräischen Felder dehnen sich auf einem Gebiet von über 150 Quadratkilometern aus und bei einem Vulkanausbruch wäre mit vielen tausend Opfern zu rechnen. In Italien beunruhigt das die Menschen kaum, weil sie dieses Risiko verdrängen und auch gar nicht wüssten, wo sie sonst leben sollten als in ihrer Heimat. Wenn tatsächlich nach fünfhundert Jahren Ruhe etwas passieren sollte, hat das Schicksal eben zugeschlagen. Bei uns hingegen wird dann die Bundeskanzlerin verklagt.
Nachdem die Corona-Demonstration in Berlin Anfang August auch in den italienischen Nachrichten zu sehen gewesen war, sprach mich Nachbar Ennio darauf an. Er ist Elektriker und berühmt für seinen spontanen Umgang mit stromführenden Kabeln. Jedenfalls fragte er, was bei uns in Deutschland los sei. Ob da eine Revolution bevorstünde und wogegen die Leute genau protestiert hätten.
Ich versuchte, es ihm so neutral wie möglich zu erklären: Die Menschen fühlten sich in ihrer Freiheit eingeschränkt und hätten die Befürchtung, dass Grundrechte dauerhaft abgeschafft werden sollten. Ennio gab sich alarmiert und fragte sorgenvoll, worin denn die Restriktionen unserer Regierung bestünden? Ich sagte ihm, dass man sich öfter die Hände waschen solle, eine Maske tragen und Abstand halten müsse. Und dass man von großen Veranstaltungen Abstand nehmen müsse. Manche Deutsche fühlten sich dadurch diktatorisch regiert, fügte ich hinzu. „Die gehen auf die Straße, weil sie sich die Hände waschen und nicht auf die Straße gehen sollen?“ Er konnte das wirklich nicht glauben. Ich denke, er hält Deutschland für das ulkigste Fleckchen des Universums.
Bevor wir gestern nach Hause fuhren, traf ich ihn noch einmal. Ich erzählte ihm, dass die nächste Demonstration von Esoterikern, Rechtsextremen und Corona-Leugnern verboten worden sei. Und dann erzählte ich ihnen von einem Tweet des Sängers Xavier Naidoo, der seinen Anhängern riet, dennoch nach Berlin zu fahren und aber das Handy auf dem Weg auszumachen und in Alufolie zu wickeln, damit der Staat es nicht orten könne. Ich weiß nicht, ob der Tweet echt ist oder ein Spaß, aber einen engagierten Kommentar darunter fand ich wirklich großartig. Da fragte nämlich jemand, mit welcher Folien-Seite nach oben man das Handy denn einwickeln müsse, um es wirksam abzuschirmen. Mit der matten oder mit der klaren? Das erzählte ich Ennio. Er winkte ab und lachte sich halbtot. Die Sorgen der Deutschen würde er wirklich gerne haben.