Jan Weiler: Autor, Kolumnist, Buntbarschboy … Impressum
Mein Leben als Mensch — Verfasst am 06.09.2020

698_Mein Rücktritt unter Tränen

Hiermit trete ich aus der deutschen Fußball-Nationalmannschaft zurück. Es ist mir nicht leicht gefallen, aber ich erkläre meinen Verzicht auf zukünftige Nominierungen durch Bundestrainer Jogi Löw. Natürlich ist mir bewusst, dass ich die Chancen des Teams dadurch erst einmal verringere. Aber es ist wie es ist und ich will einfach nicht mehr.
Über dreißig Jahre habe ich auf einen Anruf gewartet. Vogts? Hatte die Nummer. Ribbeck? Meldete sich nicht. Völler? Das Telefon blieb stumm. Klinsmann? Hatte wohl besseres zu tun. Und Löw? Völlige Funkstille. Ich habe mich die ganze Zeit über bereitgehalten. Ich war da, die Laktatwerte haben gestimmt, die Motivation war nicht zu überbieten. Und: Ich hätte auf jeder Position gespielt. Auch ohne Ball. Aber niemand ist auf mich zu gekommen.
Eigentlich unverständlich, weil ich dem Deutschen Fußball Bund schon damals, 2002, ein eindeutiges Fax geschrieben habe. Darin habe ich meine Bereitschaft signalisiert, bei der damaligen Weltmeisterschaft zu spielen. Der letzte Satz meines Faxes lautete klipp und klar: „Sollte ich innerhalb von zwei Wochen nichts Gegenteiliges von Ihnen hören, gehe ich davon aus, dass ich dabei bin. Ich würde dann abreisebereit am 1 Juni bei mir zuhause vor der Tür stehen und freue mich darauf, mit dem Mannschaftsbus abgeholt zu werden.“
Wer dann nicht kam, war der Mannschaftsbus. Obwohl wir ja so verblieben waren: Falls ich nichts höre, bin ich dabei. Und ich habe nichts gehört. Aber vielleicht ist das Fax ja in der DFB-Zentrale verloren gegangen. Ich würde dem damaligen Bundestrainer Völler jetzt im Nachhinein keinen großen Vorwurf machen, auch wenn das Finale mit mir höchstwahrscheinlich anders ausgegangen wäre. Ich habe dann bei jedem Trainerwechsel wieder per Fax auf mich aufmerksam gemacht und immer war es das Gleiche: Im Prinzip immer wieder eine Zusage vom DFB, weil ja keine Absage erfolgte und dann aber letztlich trotzdem bei jedem Spiel nicht auf dem Platz. Das reicht mir jetzt. Ich finde, man muss sich an Vereinbarungen halten, lieber Deutscher Fußball Bund. Diese maßlose Enttäuschung ist der Grund dafür, dass ich meinen Rücktritt diesmal nicht mehr nur an den DFB gefaxt habe (069-67 88 266), sondern auch hier die Öffentlichkeit darüber informieren möchte.
Wenn Sie diesen Text bis hierhin gelesen haben, könnte bei ihnen der Eindruck entstehen, dass hier jemand über die Grenzen psychischer Gesundheit hinaus von seiner Wichtigkeit überzeugt ist. Und sich deshalb, narzisstisch infantil und größenwahnsinnig aufführt. Richtig? Ja, das kann man so sehen. Aber genau so verhält sich gerade ein kleiner Teil unserer Landsleute. Menschen, die wirklich meinen, dass ihre Befindlichkeit so groß und bedeutsam ist, dass man ihr in den Medien und auf der Straße andauernd Beachtung schenken sollte. Es sind die, die sich Schilder malen, auf denen steht, dass sie der Bundesregierung befehlen, sofort zurückzutreten, weil ihnen deren Politik nicht gefällt. Es sind die, denen das Gemeinwohl unwichtiger ist als ihr privater Unwille, eine Maske zu tragen. Und die deshalb unverhüllt in Zügen und Restaurants herumpöbeln. Es sind die, die ständig für sich in Anspruch nehmen, alles besser zu wissen als die Wissenschaftler, die seit Monaten daran arbeiten, die Situation zu verbessern. Und es sind die, die zwar noch nie eine Naturkatastrophe, eine gewaltsame Staatsführung oder einen Krieg erlebt haben, aber davon faseln, das Leben in einer von Angela Merkel angeführten Diktatur nicht mehr ertragen zu können. Nerven wie Nudeln, aber eine Klappe wie ein Nilpferd.
Das wollte ich nur mal anhand eins möglichst absurden Beispiels verdeutlichen. Und jetzt gehe ich spazieren. Falls Löw anruft: Meine Entscheidung ist unumstößlich.