Jan Weiler: Autor, Kolumnist, Maurerbonbon … Impressum
Mein Leben als Mensch — Verfasst am 14.09.2020

699_Das berühmte Berlin-Gefühl

Man vergisst ja so leicht. Insbesondere peinvolle Erfahrungen werden von unserem Gehirn geschickt in schlecht beleuchtete Rumpelkammern der Erinnerung verfrachtet. Zum Beispiel verdrängen die meisten Frauen den Geburtsschmerz, was ein zweites und bisweilen drittes Baby überhaupt erst ermöglicht. Würden sich die Mütter richtig daran erinnern, würden sie dankend ablehnen, wenn der Gatte weiteren Nachwuchs vorschlüge.
Ganz ähnlich geht es dem Reisenden mit Berlin. Wenn man von dort nach Hause kommt, freut man sich so sehr darüber, dass man die zwei Tage in der Hauptstadt schnell wieder vergisst und bei erneuter Anreise fasziniert feststellt, wie vollkommen selbstverständlich pampig, schlecht gelaunt und unkultiviert die Berliner auf freundliche Ansprache reagieren. Bereits im Taxi darf man sicher sein, an einen Fahrer zu geraten, der erstens auf jedes Fahrtziel mit harschem Unwillen reagiert, zweitens am liebsten alle Radfahrer mit einem am Auto angebrachten Flammenwerfer auslöschen würde und drittens das Kreditkartenlesegerät nur unter Protestgemurmel aus dem Handschuhfach wurstelt.
In der Hotelbar gab es zwölf verschiedene Biere. Allerdings nur auf der Karte. Im Ausschank befand sich lediglich genau eines und das möchte wirklich kein gesunder Mensch trinken. Die Kellnerin hätte einen gleich darauf aufmerksam machen können. Stattdessen reagierte sie auf jeden Bestellversuch mit einem leiernden: „Ham wa nich.“ Ich habe das schlimme Bier getrunken. Zu essen gab es nichts von dem, was auf der Karte stand, denn: „Ham wa nich.“ Ich ging dann spazieren und landete in einem Späti, wo ich ein anderes Bier kaufte. Und Zigaretten sowie ein Feuerzeug. Der Kerl hinter der Theke schob alles in eine Papiertüte, rechnete den Betrag aus und ergänzte: „Und fümmfnzwanzich für die Tüte.“ Ich sagte, dass ich keine Tüte brauchte und er erwiderte, er habe bereits alles eingepackt. Er wiederholte den Betrag und sagte: „Und die fümmfnzwanzich für die Tüte.“ Ich zahlte und er sagte zum Abschied: „Du meenst wohl ick hätte irjndwatt zu verschenken, weeßte, nee.“
Am nächsten Tag schlenderte ich über den Kurfürstendamm und bekam Lust auf ein Eis. Ich landete in der Filiale eines Eisherstellers mit einem kunstvoll dänisch klingenden Namen und bestellte ein Spezial-Angebot. Auf dem Foto war ein Plastikbecher mit einer leckeren Mischung aus frischen Erdbeeren, Stücken frischer Cantaloup-Melone, rotem Sorbet, gehackter Minze, etwas Kuchen und einer Kugel Melonen-Eis abgebildet. Der Verkäufer war von der Bestellung dieser Köstlichkeit erst überrascht und dann mit deren Herstellung überfordert. Ich erhielt einen Becher mit Himbeereis, zwei tiefgefrorenen Erdbeeren, ebenso tiefgefrorenen Stücken von irgendetwas Gelbem, tiefgefrorene Teigkrümel und eine Kugel Meloneneis. Er reichte mir diesen Ausweis beruflicher Lustlosigkeit mit tiefgefrorener Verachtung herüber und als ich sagte, dass sich das Versprechen deutlich von seiner Einlösung unterscheide, sagte er: „Ja, Meester, so is det janze Lehm.“
Abends stellte ich mich am Flughafen in die Schlange vor der Security, wo ich mit den Worten „Uhr ab, Jürtel ab, Laptop raus und Flüssigkeiten aufs Band“ begrüßt wurde. Ich bin zu diesen Gestalten immer freundlich, denn sie haben sich vermutlich nicht darum gerissen, mich an meinem Hosenbund zu befummeln. Und wenn doch, muss man sie dazu beglückwünschen, dass sie für sich den richtigen Ort im Leben gefunden haben.
Spät am Abend kehrte ich nach Hause zurück und fiel hinter der Tür über das Altpapier. Das ist Nicks Job. Ich stelle den Papiermüll in den Flur, er muss ihn runterbringen. Nach drei Tagen stelle ich das Altpapier in sein Zimmer. Und er bringt es dann wieder in den Flur. Egal. Nachdem ich mich aufgerappelt hatte, ging ich zu ihm rein und sagte, dass ich wieder da sei. Und dass er das Altpapier doch bitte bei Gelegenheit runterbringen möge. Er nahm seine Kopfhörer ab und sagte: „Als ob ich nichts wichtigeres zu tun hätte, als Deinen Müll wegzubringen.“
Vielleicht zieht er ja einmal zum Studieren nach Berlin. Er hätte sicher keine Schwierigkeiten mit der Integration.