Jan Weiler: Autor, Kolumnist, Bananenkrümmer … Impressum
Mein Leben als Mensch — Verfasst am 20.09.2020

700_Teleportation versus Maskenpflicht

Man gewöhnt sich an Alles, heißt es. Ist bloß eine Frage der Zeit. Aber die besitzt nicht ohne Grund zahllose Maßeinheiten. Gewöhnung kann innerhalb von Sekunden eintreten oder nach Millionen von Jahren. Der unendlichen Zeit ist das völlig egal, aber für uns Menschen ist der Unterschied beträchtlich. Und manchmal ist Gewöhnung nicht einmal ansatzweise in Sicht. Ich habe mich zum Beispiel nie mit der Umbenennung von „Raider“ in „Twix“ abfinden können und ich warte noch darauf, mich an das Tragen dieser unförmigen OP-Masken zu gewöhnen, die man dabei haben muss, weil man sonst von dem dicken Mann in der Tankstelle mit der Zapfpistole erschossen wird.
Und ich finde diese Maske auch furchtbar unangenehm auf Zugreisen. Besonders am vergangenen Wochenende. Da fuhr ich mal wieder von München nach Berlin. Das geht recht schnell und deshalb muss die Sache einen Haken haben. Meistens gehen zum Ausgleich die Türen nicht auf, oder das Bord Bistro ist geschlossen. In diesem Fall funktionierte die Klimaanlage in Wagen 28 nicht, was den meisten Kunden im Zug wurscht war, außer jenen, die im Wagen 28 saßen. So wie ich. Als die Temperatur die 40-Grad-Marke überwand, wurde der Waggon evakuiert und die bereits zur Hälfte geschmolzenen Fahrgäste suppten in andere Wagen, in denen es zwar kühler, aber auch voller war. Das war nicht schön und die Maske machte es nicht besser, wahrscheinlich half sie auch gar nicht mehr, weil die Menschen aneinander klebten wie geschwefelte Feigen aus der Tüte.
Ich steckte zwischen zwei japsenden Damen aus Iserlohn fest und fragte mich, wann endlich das Beamen technisch möglich wird. Die Teleportation. Wie bei „Raumschiff Enterprise“. Wenn man sich einfach so von München nach Berlin und vor allem wieder zurück teleportieren könnte, müsste man gar keine Maske tragen. Der Abstand wäre groß und der Trip schnell vorüber. Andererseits würde diese Möglichkeit wahrscheinlich von sehr vielen Reisenden genutzt.
Die halbe Menschheit würde sich selbst über winzige Strecken teleportieren lassen. Also nicht nur von der Erde auf den Mars, sondern auch von der Kneipe nach Hause und vom Wohnzimmer auf die Toilette und von dort über die Allianz Arena und Paris wieder zurück ins Wohnzimmer. Im Zwischenraum und in der Zwischenzeit, in welchen sich die Teleportation abspielte, würde es ziemlich voll werden. Es würde Gedränge in der entmaterialisierten Zone herrschen und wahrscheinlich käme es zu Fehlern und man landete zur Hälfte im Körper von Lothar Matthäus in einem Hotel in Tirana.
Aber diese Überlegungen führen ohnehin zu nichts, denn Teleportation wird für immer ein Traum bleiben. Heisenberg, Newton und Einstein sowie zahlreiche Naturgesetze stehen mit eiserner Macht dagegen. Es bleibt uns also nichts anderes übrig, als diszipliniert daran zu arbeiten, dass wir das Tragen der Maske und den richtigen Abstand zueinander hinbekommen. In diesem Zusammenhang kam ich letzte Woche auf eine falbelhafte Methode, um mir Mitmenschen vom Leib zu halten. Ich lief also durch meine Gegend und sämtliche Passanten machten einen großen Bogen um mich. Sie mieden mich mit schreckgeweiteten Augen. Manche sprangen von mir weg. Dabei machte ich gar nichts. Ich trug brav meine OP-Maske und war guter Dinge. Nachdem ein Mann mit Hund mich angeherrscht hatte, dass ich auf der Straße nichts verloren hätte, wurde ich skeptisch. Ich nahm meine Maske ab und betrachtete sie. Dort, wo sie meinen Mund verbarg, war sie blutrot. Es sah aus, als hätte ich Blut gehustet. Es sah aus, als liefe ich damit direkt der Hölle entgegen. Aber es verschaffte mir auch den nötigen Abstand.
Ich setzte sie mir wieder auf und erschreckte solange Passanten, bis ich wieder zuhause war. Ich legte die Maske auf den Esstisch und dann fiel es mir wieder ein: Ich hatte vorher in einer Bäckerei ein Stück Kirschstreusel erworben und es mir mit Wonne in den Mund schieben wollen, aber vergessen, die Maske vorher abzunehmen. Ich sage ja: Ich kann mich einfach nicht an dieses Ding vor meinem Gesicht gewöhnen.