Jan Weiler: Autor, Kolumnist, Blumenkohl … Impressum
Mein Leben als Mensch — Verfasst am 27.09.2020

701_Vater-Sohn-Lektionen

Natürlich denkt man darüber nach, ob der Sohn bereits für ein Leben außerhalb der elterlichen Mauern ertüchtigt ist. Er selbst findet das seit Jahren. Die Eltern seiner Freunde teilen diese Einschätzung und beschreiben ihn als einen hilfsbereiten jungen Herrn. Außerdem sei er nützlich im Haushalt, heißt es immer wieder. Ich möchte das gern glauben, aber ich habe ihn vor einiger Zeit dabei erwischt, wie er mit einer Gabel in der Steckdose herumfummelte, weil er fand, dass sie nicht richtig leitete. Da sei Staub drin, den er herauspopeln wolle.
Millisekunden bevor er sich in eine Aschewolke verwandelte, nahm ich ihm die Gabel weg. Ich dachte eigentlich, dass er die Sache mit dem Strom mit fünf Jahren verstanden hatte, nachdem er mit Anlauf in einen elektrifizierten Weidezaun gesprungen war. Er schielte dann für eine Viertelstunde wie Clarence der Löwe. Aber er schwor, so etwas nie wieder zu tun. Egal. Jedenfalls verfügte ich letzte Woche, dass Nick bei mir in Hauswirtschaft geschult werden musste. Es gibt Dinge, die ein junger Erwachsener drauf haben muss. Außerdem lieben Frauen den Anblick von Männern, die in Unterhose mit Kippe im Mund ihr Smoking-Hemd bügeln.
Der Unterricht umfasst Basiswissen. Dazu gehören zum Beispiel Lektionen in Wäsche sortieren, Auswahl des richtigen Spülmittels und der Waschtemperatur, Bügeln, Putzen natürlich, Kühlschrankhygiene, Pflege beziehungsweise Sicherung des Überlebens von Grünpflanzen sowie das korrekte Einsortieren von Gegenständen in die Spülmaschine sowie deren zeitnahe Entnahme nach dem Spülvorgang.
Letzteres sollte eigentlich kein Problem sein, die Handhabung einer Spülmaschine ist eigentlich ein unterkomplexer Vorgang, sorgte aber bei uns sofort für eine erbitterte Vater-Sohn-Diskussion, als ich Nick darauf hinwies, dass die japanischen Messer nicht in die Spülmaschine gehören. Ich habe es ihm schon drei Millionen Mal gesagt. Mindestens. Also predigte ich: „Die japanischen Messer dürfen niemals in die Spülmaschine. Nie!“
„Und warum nicht?“ fragte er. Er klang wie ein Hygiene-Demonstrant am Brandenburger Tor. Er glaubt einfach nicht, dass es Messer gibt, die nicht in die Spülmaschine dürfen.
„Weil sie davon kaputtgehen.“
„Sie gehen kaputt davon, wenn man sie spült!?“
„Sie gehen kaputt, wenn man sie in der Spülmaschine spült,“ sagte ich matt.
„Und warum?“ fragte er?
„Ja, keine Ahnung warum, weil das nun einmal eben so ist.“
„Dann sind diese Messer totaler Schrott.“
„Nein, die sind sehr gut, diese Messer, aber sie müssen mit der Hand gespült werden.“
„Sage ich ja, totaler Schrott,“ sagte Nick und legte das Messer zur Seite, damit ich es spülte.
Er macht es sich im Haushalt gerne leicht. Er umkurvt beim Staubsaugen großflächig alles, was sich ihm in den Weg stellt. Stühle zum Beispiel, oder herumstehende Väter. Und er verzichtet darauf, seine Klamotten zu falten. Nach seiner ersten Bügelsession stellte ich fest, dass meine Hemden auf dem Boden lagen und die Kleiderbügel verschwunden waren. Er hatte sie für seine sämtlichen T-Shirts und für einige Boxer-Shorts gebraucht. Er fand das cooler, als die Sachen mühevoll zu falten und in seinen Schrank zu stapeln.
Aber wir sind insgesamt auf einem guten Weg, glaube ich. Und er entwickelt eigene Strategien, die sehr interessant sind. Neulich habe ich ihm erklärt, dass man Schuhe in der Waschmaschine reinigen kann. Bei vielen Sneakers ist das absolut möglich, allerdings macht es einen ziemlichen Radau und ich glaube, es ist auf Dauer nicht gut für die Waschtrommel. Er hörte sehr aufmerksam zu.
Gestern Abend kam ich aus dem Kino und wunderte mich darüber, dass die Spülmaschine gelaufen war, obwohl das schmutzige Geschirr noch herumstand. Ich öffnete sie. Und sie war komplett befüllt mit Schuhen. Nick hatte einfach mal unsere ganzen Schuhe durchgespült. Drei Stunden lang. Bei 60 Grad. Im Ökomodus.