Jan Weiler: Autor, Kolumnist, Unterwäschemodel … Impressum
Mein Leben als Mensch — Verfasst am 05.10.2020

702_Das Lied der Strümpfe

Manchmal stellt man mit einer gewissen Genugtuung fest, dass man für etwas zu alt ist. Das kommt nicht sehr oft vor, denn im Allgemeinen fühle ich mich jeder Herausforderung gegenüber ertüchtigt. Die Dinge, für die ich mich zu alt fühle betreffen eher Angelegenheiten, auf die ich ganz einfach keinen Bock mehr habe. Schlangestehen vor gastronomischen Betrieben zum Beispiel. Kein Club hat mich verdient, wenn ich davor warten und mich einer kritischen Würdigung meines Aussehens oder meiner Persönlichkeit unterziehen soll.
Und ganz ähnlich geht es mir mit dem Schleppen von Möbeln. Früher habe ich bei Umzügen geholfen, es war eine schöne Form der Hilfsbereitschaft. Inzwischen finde ich jedoch, dass Menschen meines Alters gefälligst Speditionen beauftragen sollen. Außerdem ist mir der stundenlange Blick auf die Privatsphäre anderer Leute ein Graus, besonders wenn ich diese Privatsphäre vier Stockwerke über eine enge Treppe schleppen soll.
Unser Sohn Nick hingegen geht darin völlig auf. Er hat vor kurzem mit einem Freund online inseriert, dass sie für Umzüge aller Arten zur Verfügung stehen. Macht zehn Euro die Stunde und Pizza in der Mittagspause. Seitdem verbringt er die Wochenenden in fremden Wohnungen und berichtete neulich, er habe mit Finn einen sehr seltsamen Keller transportiert. Dieser enthielt zwei Sprungböcke, ein metallenes Kreuz, ein ebenfalls metallenes Bett, Dutzende Kerzen und mehrere Kartons mit Sachen aus Gummi, auf die er nicht näher einging. Er nahm aber an, dass die Leute Hobbytaucher seien.
Über seine einträgliche Tätigkeit vergisst Nick leider, dass er bei uns zuhause ebenfalls Dinge tragen muss, zum Beispiel Altpapier, Müll und Leergut. Da er dafür rein gar keine Entlohnung erhält, kommt ihm dieser Job nicht so wichtig vor. Dasselbe gilt für die Wäsche. Um ihn auf das richtige Leben draußen in der Fremde vorzubereiten, zeigte ich ihm, wie man Wäsche sortiert und wäscht und bügelt. Ich finde, das sind friedvolle Tätigkeiten, zumal man ja nicht einmal selber zum Fluss gehen und Hemden schrubben muss. Die Aufgabe besteht lediglich darin, die Klamotten in die Maschine zu stopfen und das Gerät einzuschalten.
Aber Nick gibt sich unwillig, denn er ist der Ansicht, dass die Wäsche besser wird, wenn ich sie wasche. Außerdem verlöre er bei jedem Waschgang mindestens drei Socken. Da hat er Recht. Das Socken-Mysterium ist groß und ungelöst. Vielleicht sollte Peter Wohlleben einmal ein Buch darüber schreiben: „Das geheime Leben der Strümpfe“.
Es gibt Besserwisser, die behaupten, dass Socken keineswegs in der Maschine verschwinden, sondern gar nicht erst hinein gelangen. Sie sind also bereits vorher weg, was das Geheimnis aber nicht wirklich kleiner werden lässt. Um meinem verzweifelten Sohn zukünftig den Verlust von Lieblingssocken zu ersparen, kaufte ich Plastikdinger, mit denen man je zwei Socken gemeinsam in die Waschmaschine geben kann. Sie klammern sich selbst im Schleudergang tapfer aneinander und man holt sie immer paarweise heraus. Pure Magie.
Aber Nick war nicht begeistert. Er fand die Dinger hochgradig spießig, wie alles, was ich gut finde. Wie Eier im Glas, dicke Socken gute Umgangsformen. Und er mag die Filme nicht, die ich gerne sehe. Nach seinem letzten Einsatz als Umzugshelfer war er jedoch so müde, dass er sich dazu herabließ, mit mir einen Film anzusehen. Dieser enthielt eine der klassischen Szenen moderner Film-Dramaturgie, in der ein Pärchen es kaum abwarten konnte, endlich aufs Hotelzimmer zu kommen. Mann und Frau reißen sich tausendstel Sekunden nach Betreten des Zimmers die Klamotten vom Leibe und stolpern Richtung Bett. Nick fand das total übertrieben. Sowas gebe es gar nicht in echt, sagte er.
Da konnte ich allerdings widersprechen. Ich selber habe das schon einmal erlebt. Gut. Ich war dabei alleine. Aber trotzdem war es ganz genauso. Nachdem ich im Rahmen einer Fastenkur einen Einlauf erhalten hatte, stürmte ich wie ein rasender Liebhaber ins Zimmer, entledigte mich in jagender Hast aller störenden Kleidungsstücke und stolperte ins Bad. Das war dann auch sehr schön, sagte ich noch. Aber da war Nick bereits kopfschüttelnd in seinem Zimmer verschwunden.